14 Samstag „zu Hause“

Wir kommen zu Hause an. Es ist schön aufgeräumt. Das haben die Eltern von Robert gemacht, die zeitweise hier geschlafen hatten. Danke. Fühlt sich gut an. Ruhe – Stille.

Es wird klar: hier fehlt etwas.

Und doch bestätigen sich die Befürchtungen nicht, die wir hatten. Wir hatten Angst, dass wir in jeder Ecke an Julius denken. Und dass wir das Kinderzimmer nicht betreten könnten. Das war alles kein Problem.

Julius hat die weltlichen Dinge, die wir vorbereitet hatten, nicht gebraucht. Sie sind nicht „seine“ Sachen. Es sind Sachen für unsere Kinder. Unser erstes Kind hat andere Dinge von uns gebracht, als Kleidung, Kinderwagen und derartiges.

Aber es fühlte sich alles leer an.

Wir setzten uns auf das Sofa. Pause. Weinen.

Meine Mama blieb noch weitere 5 Tage bei uns. Mein Vater kaufte ein für uns, bevor er nach Hause gefahren ist. Wir machten Pause. Meine Mama kümmerte sich um alles Äußere: Essen kochen, Küche machen, Wäsche waschen…

Schon am Morgen im Krankenhaus ist mir ein Bild gekommen. Ein Bild, auf welchem unser Julius in einem Tuch liegt (wie in einer Hängematte), die von vier Vögeln getragen wird. Ein fünftes Vögelein singt ein Lied für ihn. Dieses Bild wollte ich zeichnen und für die Geburts- und Traueranzeige verwenden.

Also setzte ich mich an den Tisch und malte unter Tränen dieses Bild auf. Ich bin sehr verwundert, dass ich so „gut“ zeichnen kann. Woher das Bild kommt, weiß ich bis heute nicht und woher die Kraft gekommen ist, dass ich in diesem Moment ein solches Bild zeichnen kann, ist mir auch ein Rätsel.

Erste Seite der Geburts- und Sterbeurkunde von Julius

Ich schreibe zu dem Bild den Text eines Liedes auf, welches ich für Julius sehr oft gesunden habe: „Kindlein mein, schlaf doch ein, Vöglein fliegt vom Baume – Fliegt geschwind zu meinem Kind, singt ihm vor im Träume – Eia, wiege, Wiege mein, Schlaf mein Kindlein, schlaf doch ein“. Und wir schrieben seinen vollen Namen auf Julius Aaron *** und Geburtsdatum 29.11.2018 und sein Todesdatum: 7.12.2018. Dazu den Text: „In Liebe empfangen, mit Würde gegangen“. Neben Größe und Gewicht ist ein Foto abgedruckt, auf dem wir drei: Mama, Papa und Julius Händchen halten. Als Zeichen unserer ewigen Verbundenheit.

Neben der Aufgabe, eine Traueranzeige zu schreiben, müssen wir uns nun um eine Bestattung kümmern. Wir haben so etwas noch nie gemacht und wissen nicht, wie wir da am besten vorgehen.

Als Robert von Särgen spricht, wird mir etwas mulmig. Der Körper von Julius in einer Holzkiste? Irgendwie fühlt sich das komisch an. Da schießt es mir durch den Kopf: es wäre schön, wenn er in einem Weidenkörbchen liegen könnte. Wie ein Findelkind. Ich spreche meine Gedanken aus. Es scheint mir unrealistisch – doch Robert googelt und findet einen geflochtenen Sarg. Er bittet den Bestatter, uns einen zu bestellen.

Am Nachmittag waren wir verabredet beim Bestatter, um noch einmal Julius` Körper zu besuchen. Wir sind mit Roberts Eltern verabredet, um gemeinsam hinzufahren. Dort angekommen setzen wir uns um den liebevoll aufgebahrten Leichnahm herum und betrachten ihn. Der Körper ist der von Julius. Doch spüre ich: dieses zauberhafte Körperlein hat nicht mehr viel zu tun mit unserem Sohn Julius. Julius ist mir sehr nah. Aber nicht, weil ich hier seinen Körper um mich herum habe, sondern, weil sein Geist bei mir ist.

Ich sitze da und mir wird klar: ich werde mich darum kümmern, dass dieses zauberhafte Körperlein so schön, wie nur irgendwie möglich bestattet werden wird. Wir entscheiden uns für den geflochtenen Sarg, den wir beim Bestatter anschauen können und mit einem hölzernen Sarg vergleichen konnten. Der geflochtene passt viel besser zu uns und zu Julius.

Und wir sprechen mit dem Bestatter über Friedhöfe und über die Trauerfeier.

In der kommenden Woche werden wir also Friedhöfe besichtigen, einen Platz auf einem Friedhof aussuchen, werden die Trauerfeier vorbereiten, die Geburts- und Traueranzeigen losschicken und Julius Aaron in seinen geflochtenen Sarg umbetten.

13 Samstag in der Neonatologie

Die Nacht war friedlich. Julius hat ein Beistellbettchen bekommen, welches noch gerade so in den Raum gepasst hat. Dort lag er friedlich an meiner Seite.

Wir haben in der Nacht geschlafen – ohne Störung, ohne Unterbrechung. Ganz nah beieinander. Als Familie.

Am Morgen kamen meine Eltern, sie werden uns nach Hause begleiten.

Und es kam der Bestatter. Er brachte ein Tragenest eines Kinderwagens mit. Dort legte Robert Julius hinein. Mit Schutzengel und Puppe.

Der Bestatter wollte dann, dass wir ein Handtuch über das Gesichtchen von Julius legen. Er fragte mich, ob ich das machen möchte. Ich war schon die ganze Zeit nur am Weinen und bei dem Gedanken, dass sein Gesichtchen nun verdeckt werden sollte, weinte ich noch stärker und sagte, dass ich das nicht könne. Er schlug vor, dass meine Mutter es machen könnte – doch auch dies wollte ich nicht. Ich wollte es nicht ertragen, dass etwas auf sein Gesicht gelegt würde – das schien mir so endgültig zu sein.

Der Bestatter sagte in seiner sanften Art, dass das nichts ausmache, er würde ihn dann draußen abdecken. Und damit konnte ich dann leben. Das war ok für mich.

Und dann kam der Moment, in dem wir uns von dem Körper von Julius lösen musste. Mir war klar, dass dieser Moment kommen würde, aber nun schien es sehr schmerzhaft. Wohl auch, weil es ein sehr endgültiger Schritt ist.

Nun ist er gestorben – er ist in Freiheit. Und doch halte ich mich so an seinem Körper fest – das ist ein Widerspruch in sich und doch ist das Gefühl sehr stark. Und ich lasse ihn gehen.

Wir packen dann unsere Sachen zusammen. Wir werden ermutigt, das Kästchen zu füllen, welches uns gebracht wurde, um einige seiner Sachen mitzunehmen. Wir bekamen seinen Kamm, sein Thermometer, nahmen seine Magensonde mit, nahmen ein Tuch mit, in das er viel eingewickelt war. Wir haben das ganze Kästchen voll gesammelt und nun, im Nachhinein, hätten wir ein noch größeres Kästchen mitnehmen können. Die Dinge, mit denen Julius Kontakt hatte, sind so wertvoll für die Verarbeitung. Immer wieder betrachten wir die Kiste und deren Inhalt. Immer wieder betrachten wir die Hand- und Fußabdrücke und immer wieder betrachten wir die Bilder, die wir von der gemeinsamen Zeit haben. Sie sind so wertvoll! Alle 500 Bilder sind einzigartig und zeigen einen Teil dieses schweren gemeinsamen Weges. Und doch geben sie alle Trost.

Wenn ich irgendetwas weitergeben kann an andere Eltern, die in einer ähnlichen Lage sind, dann das: alles, was irgendwie mit dem Kind zu tun hat, ist hilfreich und sollte genommen werden. Manches wird vielleicht dann wieder weniger wichtig, anderes bleibt als Erinnerung ewig wertvoll. Man kann Dinge wieder loslassen, aber man kann nicht die Dinge wiederholen, die man nicht mitgenommen hat. Und im Nachhinein kann alles wertvoll sein.

Und doch sind dies alles nur weltliche Erinnerungen. Dinge und Sachen.

Ewig werden die Erinnerungen an die Gefühle und Stimmungen sein.

Wir fuhren dann nach Hause. Mit unserem ganzen Gepäck. Ich habe im Auto gesessen und habe geweint. Das Krankenhaus zu verlassen ohne unseren Sohn, fühlte sich falsch an. Ich saß also im Auto und weinte – meine Augen waren geschlossen und ich habe bis fast vor unsere Haustüre nicht die Augen aufgemacht. Ich wollte die Welt nicht sehen. Ich wollte nicht glauben, dass das Leben weitergeht ohne Julius. Wie kann das sein? Er fehlt und alles geht weiter, als wäre nichts gewesen?

12 Zeit nach dem Tod

Der Friede erfüllt den ganzen Raum. Ich richte mich auf und halte meinen Sohn zum ersten Mal ohne Schläuche in den Armen. Ich sitze mit nackte Oberkörper da, bin ganz erwärmt von der friedlichen, kraftvollen Stimmung. Eine Kraft ist in diesem Raum, die ich zuvor nicht kannte und auch jetzt nicht wirklich nachvollziehen kann. Die einzige mögliche Erklärung für mich ist, dass Julius uns diese Kraft hinterlassen hat.

Julius wird noch einmal auf die Waage gelegt. Er wiegt nun 4200 Gramm – etwa ein Kilo mehr, als zur Geburt. Das liegt wahrscheinlich vor allem an dem eingelagerten Wasser. Er wirkt auch unheimlich schwer in den Armen. Er kommt wieder auf meinen Arm. Ich halte also meinen nackten Sohn in den Armen und genieße diese sanfte, kraftvolle und friedvolle Stimmung.

Welche Kraft und welcher Friede da in diesem Raum zu erleben waren, kann in unseren weltlichen Worten nicht beschrieben werden – dies übersteigt unsere Vorstellungen und unsere Worte. Doch diese Kraft wurde von mir ganz deutlich empfunden und auch von meinem Mann. Wir waren trotz des riesigen Verlustes, den wir gerade erlebten, ganz beseelt und friedlich.

Die Schwester, die uns in der Frühschicht betreut hat, ist immer noch da. Obwohl es schon Abend geworden ist – sie kann uns im Moment noch nicht verlassen. Kann nicht gehen, solange Julius noch so nah bei uns ist. Sie hat organisiert, dass wir noch Abdrücke von seinen Füßen und Händen machen können. Sie hat die Zutaten für den Salzteig besorgt und einen Teig vorbereitet. Damit kam sie nun zu uns und wir konnten Abdrücke machen von seinen Füßchen und Händchen. Und weil ich seine Ohren so liebe, haben wir auch Abdrücke von seinen Ohren gemacht. Die Schwester meinte, das hätte sie noch nie erlebt – aber ich bin so froh, eine Erinnerung an diese schönen Öhrchen zu haben. Ich danke der Schwester, dass sie das ermöglicht hat für uns.

Die ganze Zeit über war Julius auf meinem Arm. Ich habe diese Zeit so genossen. Es klingt vielleicht komisch und ich hätte mir nie vorstellen können, dass es so schön sein kann, ein totes Kind zu halten. In meiner Vorstellung war der Kontakt mit Leichen eher abschreckend. Nun aber sitze ich hier und halte das Kind, welches ich gerne hätte aufwachsen sehen, tot in meinen Armen und erlebe den Frieden. Der Friede zeigt mir: das war der Weg, den Julius gehen wollte. Das ist sein Plan für das Leben gewesen. Nur kurz wollte er diese Erdenwelt erleben und dann in einer anderen Sphäre weiterleben.

Er lebt weiter. Da bin ich sicher – ich spüre ihn auch. Nur lebt er nicht, wie es andere Kinder tun. Er ist nun frei von seinem Körper – er ist aus seinem Körper herausgeschlüpft und lebt nun in diesem Zimmer, in unserem Umfeld. Ich spüre ihn stärker als je zuvor. Er ist da – nur eben nicht sichtbar. Er ist da – unsichtbar.

Wir haben dann meine Eltern angerufen, die schon nervös geworden waren, weil sie gar nichts von uns gehört haben und sich Sorgen machten, ob es uns wohl gut geht. In ihrer Vorstellung war eine Angst da, dass wir völlig verzweifeln an diesem Erlebnis unseren Sohn in den Tod zu begleiten. Nachvollziehbar – wie konnten sie auch wissen, welcher Friede bei uns eingezogen ist, seit Julius gestorben ist?

Ich weiß, das klingt nun sehr hart. Der Friede ist natürlich nicht eingezogen, weil wir uns freuen, dass er gestorben ist. Ganz im Gegenteil: wir sind zutiefst erschüttert, dass wir unseren lang ersehnten und geliebten Sohn gehen lassen müssen. Dieser Weg ist wohl der schwerste, den Eltern gehen müssen: die eigenen Kinder gehen zu lassen. Und erst recht, wenn sie nicht nur anderswo leben, sondern, wenn sie diese Erde wirklich verlassen. Ich denke, jede Mutter und jeder Vater, der schon einmal ähnliches erlebt hat, kann nachvollziehen, welches Leid das bedeutet.

Und trotzdem war ein Friede im Raum. Ein Friede mit dieser Situation. Als wäre dieser Weg – so schwer er auch ist – der Weg gewesen, der vorgesehen war. Wer auch immer diesen Weg vorgesehen hat – ob es Julius war, oder das Schicksal, oder Gott, oder der Zufall – der Weg schien sich so zu erfüllen, wie er vorgesehen war. Für mich ist das Bild am stimmigsten, dass es wirklich der Weg war, den Julius gehen wollte. Er wollte diese Erde nur berühren. Er wollte sie am Rande streifen – hat sie erlebt durch die Zeit der Schwangerschaft, aber da geschützt durch meinen Körper. Und dann hatte er eine kurze Zeit auf der Erde, die er aber nicht mit der Aufmerksamkeit erlebt hat, die wir in der Wahrnehmung der Welt haben. Wir haben unsere „offenen“ Sinnesorgane – er hatte einen Körper, der diese Verbindungen nicht in der Weise hatte, wie wir sie haben. Welche Wahrnehmungen er physisch hatte, können wir nicht beurteilen.

In meiner Vorstellung hat er auf eine andere Art „gespürt“, dass wir da sind. Das war wohl eher eine geistige Verbindung – eine Begegnung auf seelisch-geistiger Ebene. Ich meine auch, dass ich diese Verbindung gespürt habe. Natürlich habe ich die „weltliche“ Berührung mit seinem Körper genossen. Ich bin nach wie vor beseelt von dieser gemeinsamen Zeit der Begegnung. Ich zehre immer noch von diesen acht Tagen.

Dann kamen meine Eltern. Sie betreten aufgewühlt den Raum. Doch sobald sie uns sehen, mit welcher Ruhe wir da sitzen, legt sich ihre Anspannung und sie tauchen ein in unsere friedliche und geruhsame Stimmung. Sie setzen sich zu uns und beide dürfen Julius – ihren Enkelsohn – auf den Arm nehmen.

Es ist etwas anderes, wenn man ein totes Kind auf dem Arm hat. Natürlich. Und doch ist er in diesem Moment noch sehr nah und seinen Körper zu spüren, bringt einen näher an ihn heran. Meine Eltern haben beide ein wenig Zeit, ihn zu halten. Man spürt ganz intensiv, dass auch sie in diesen Momenten einen tiefen inneren Frieden erleben.

Auch meine Eltern beschreiben, dass diese Begegnung ganz wichtig war für die Beziehung zu ihrem Enkelkind.

Ich finde diese Begegnung auch ganz wichtig, möchte sehr gerne, dass sie eine innige Beziehung zu Julius haben. Trotzdem fällt es mir schwer, ihn nicht mehr bei mir zu haben. Ich fühle mich auf eigenartige Weise getrennt. Obwohl er sehr nah ist. Ich empfinde eine andere Art von Eifersucht, als ich sie spüre, wenn Julius bei seinem Papa ist.

Ich nehme ihn also wieder zu mir. Und dann weiß ich, dass es Zeit ist, ihn anzuziehen. Julius Aaron sollte nun zum ersten Mal in seinem „Leben“ mit der Kleidung eingekleidet werden, die wir zuvor für ihn besorgt haben.

Bereits in der Nacht habe ich mir überlegt, welche Kleider ich ihm anziehen wollte. Ich hatte natürlich nur ganz wenige Kleider mitgenommen, da unser Plan war, nach der Geburt schnell wieder nach Hause zu kehren. Also hatte ich nicht wirklich viel Auswahl. Und doch war genau das dabei, was ich für ihn als richtig empfunden habe.

Er bekam eine Stoffwindel – so wie wir geplant hatten, unser Kindlein in Stoffwindeln zu wickeln. Er bekam dazu einen Wolle-Seide-Wickelbody. Die Größe 50 passte wie angegossen. Darüber kam ein Seidenjäckchen, welches ich ausgesucht hatte und welches ich wunderschön finde, aber ich hatte eigentlich gedacht, dass es im Winter viel zu dünn wäre, um es zu tragen. Dies aber spielt für Julius ja keine Rolle. Also kann er dieses feine Kleidungsstück tragen.

Viele Gedanken hatte ich mir über eine passende Hose gemacht. Irgendwie fühlte es sich nicht richtig an, ihm eine Hose anzuziehen. Das ist eine sehr weltliche Kleidung. Doch zum Glück hatte ich einen Pucksack eingepackt, den ich eigens für das Kindlein genäht hatte. Innen aus Wolle-Seide, außen aus beige-gestreifter Leinenstoff hat der Pucksack eine ähnliche Form wie ein Schlafsack und doch sieht er fast aus, wie ein Kleidchen.

Ich habe einige Monate nach Julius Tod einen Pucksack für das Kind meiner Schwester genäht. Ich habe dafür einen weißen Außenstoff gewählt und finde, dass es fast aussieht, wie ein Taufkleidchen.

So lag mein Sohn nun da, gekleidet in edelste Stoffe und mit der Mütze, die er bereits zuvor anziehen durfte. Und ich habe das sehr genossen zu sehen, wie er ausgesehen hätte, wenn er weitergelebt hätte und Kleider tragen würde. Und doch passt es nicht richtig zu Julius, Kleider zu tragen – er braucht sie eigentlich nicht.

Die Kleider, die wir ausgesucht haben, passen nun aber doch sehr gut zu ihm und es fühlt sich gut an, dass er so ins Grab gelegt werden wird. Natürlich bekommt er auch seinen „Schutzengel“ mit. Dieses kleine Püppchen aus Seide hat er bekommen noch während der Kühlphase. Er hatte es immer bei sich und es soll ihn auch weiter begleiten. Auch die Puppe, die ich führ ihn genäht habe, sollte bei ihm bleiben.

Wir besprechen nun mit meinen Eltern, wie wir die Nacht verbringen. Ich kann mir nicht vorstellen, Julius schon abzugeben. Also entscheiden wir, dass wir noch eine Nacht hier bleiben, in dem Zimmer von Julius, auf der Neonatologie. Mit Julius – das ist mein inniger Wunsch.

Zum Glück ist das möglich. Die Schwestern und Ärzte sind einverstanden und unterstützen uns und auch der Bestatter ist einverstanden. Er wird dann morgen kommen und den Körper von Julius mitnehmen. Irgendwie konnten wir es mit Hilfe der Stationsärztin und dem Bestatter einrichten, dass der Körper von Julius nicht in die Pathologie des Krankenhauses muss. Ich bin so dankbar, dass uns das eingerichtet wurde. Danke an die Ärztin der Neonatologie, die sich über die geltenden Regeln hinweggesetzt hat, um uns dies zu ermöglichen. Ich bin ihr so dankbar.

Dann kommen auch die Eltern meines Mannes noch einmal, um sich von Julius zu verabschieden. Auch sie empfinden diesen Frieden. Auch sie halten Julius eine Weile und verbinden sich ganz intensiv mit ihm. Wir genießen diese Begegnung. Mir tut es so gut zu wissen, dass die Großeltern unseren Julius so erleben konnten, wie wir ihn auch erlebt haben. Natürlich hatten sie weniger Zeit und doch waren die kurzen Zeiten so intensiv, dass sie eine Beziehung anlegen konnten.

11 Freitag, Todestag

Am Freitag morgen wachte ich auf um fünf Uhr in der Nacht. Ich war aufgekratzt. Fünf Uhr – noch ein bisschen Schlafen wäre nicht schlecht. Und tatsächlich konnte ich noch einmal ein bisschen schlafen. Um sieben war ich dann wirklich wach. Ich sah Julius an und sah Robert an. Beide schliefen noch. Der Abschied von Julius stand im Raum. Als sich Robert regte, sagte ich zu ihm: „ich glaube es ist Zeit, aufzustehen. Weißt du, es wird nicht einfacher, wenn wir es nur hinauszögern“. Warum ich diesen Satz so gesagt habe, weiß ich nicht. Robert war sehr erschrocken, wie er mir im Nachhinein erzählte und ich verstehe ihn gut. Das ist kein schönes Aufwachen. Und doch war mein Bedürfnis, Julius noch zu erleben und dann auch wirklich in die Freiheit zu entlassen da und ich wollte auch nicht zu lange warten.

Zum Schichtwechsel kamen die Schwestern und die Ärztin und sagten uns, dass sie in der Nacht mehr Natrium gegeben hätten, weil der Natriumwert von Julius gesunken war. Nun sinke er aber weiter, obwohl er schon mehr bekommen hat. Es stellte sich die Frage, ob man die Behandlung durch Medikamente einstellen sollte.

Ja, das ist ein guter erster Schritt. Die Infusionen werden abgemacht.

So haben wir mehr Händchen bzw. Füßchen und weniger Kabel. Das macht das Kuscheln etwas leichter. Auch der Katheter wurde abgenommen. Julius konnte nun in die Windel machen. Und dies funktionierte auch.

Ich habe Julius an diesem Morgen gewaschen und gewickelt. Ganz in Ruhe und mit viel Genuss und Zuwendung. Das erste Mal Wickeln – wie schön, das auch noch erleben zu dürfen. Und dann kam ein weiterer Höhepunkt: wir durften Julius nun nackt auf die nackte Brust nehmen. Endlich konnten wir ihn mal ganz intensiv und hautnah spüren.

Zuvor hatten wir dies zum Schutz der Lunge nicht gemacht, sondern hatte ihn nur in waagerechter Position in unseren Armen. Endlich konnten wir ihn also halten und das erleben, was andere Eltern mit ihren Kindern nach der Geburt erleben. Wir konnten wirklich mit ihm kuscheln und sein Herzchen spüren.

Voll Vorfreude machte ich mich bereit. Ich wollte, dass mein Mann auch ganz nah bei uns ist – ich wollte beide meine Männer, meinen kleinen Mann und meinen großen Mann um mich haben. Und so lagen wir dann da und haben gekuschelt.

Wie weich die Haut von Julius ist. Wie schön sich das Köpfchen auf der Brust anfühlt, wie gut es sich anfühlt, sein Gewicht auf der Brust zu spüren. Ich lag da und habe genossen. Stunden vergingen – ich hatte längst das Gefühl für die Zeit verloren. Julius war so warm auf meiner Brust. Dieser innige Kontakt erinnerte mich stark an die Schwangerschaft, in der Julius auch ganz eng und im wahrsten Sinne des Wortes innig mit mir verbunden war.

Auch mein Mann sagte zu mir: „Jetzt kann man sich wirklich vorstellen, dass Julius mal in diesem Bauch war und dass er da reingepasst hat“. Ja, das konnte man sich vorstellen. Von den Grüßen her und von der Nähe, die wir nun erlebten.

Julius wurde nach einer Weile auf Roberts Brust gelegt. Ich habe mich an meine Männer gekuschelt. So fühlt es sich also an, eine Familie zu sein? Ein tolles Gefühl.

Robert hat diese Zeit auch sehr genossen. Er hat einmal im Nachhinein zu mir gesagt: „Ich weiß nicht, ob ich den Schritt geschafft hätte, wenn ich ihn nicht zuvor auf meiner Brust gespürt hätte“. Doch wir haben auch den nächsten Schritt geschafft.

Am Nachmittag haben wir Julius noch einmal umgelegt auf meine Brust, ich habe mich an Robert gekuschelt und wir haben die Ärzte informiert, dass wir nun bereit sind, die Beatmung zu beenden.

Ich lag mit Julius unter dicken Decken, das kleine Fensterchen war geöffnet und es kamen die Schwester von Frühdienst und die diensthabende Ärztin ins Zimmer. Das Licht wurde gedämmt, wir haben drei LED-Teelichter bekommen, die für Julius gebrannt haben und dann hat die Ärztin den Beatmungstubus entfernt, während die Schwester das Beatmungsgerät ausgeschaltet hat.

Stille.

Kein Pumpen mehr. Kein Piepen mehr.

Julius hat nicht angefangen zu atmen. Er war nun erlöst.

Wir haben ihm die Möglichkeit gegeben, dass er nun sterben kann.

Wir hatten alles vorbereitet, um sicherzustellen, dass Julius nicht leidet. Die Ärztin hatte zwei Spritzen mit Morphium in der Tasche – wir haben sie aber nicht gebraucht. Julius war ganz friedlich und hat innerhalb weniger Minuten einen sehr entspannten Gesichtsausdruck bekommen.

Nur die Hickser, die er kurz nach der Geburt bekommen hat und die nie aufgehört haben, waren noch einige Male zu hören und zu spüren.

Es hörte sich schrecklich an. Die Lunge war voll mit Schleim und jeder Hickser hörte sich wie ein stark verschleimtes Röcheln an. Nach 10-15 Minuten hörte das Hicksen auf. Julius war erlöst.

Wir dachten, nun sei er gestorben. Doch als wir die Ärztin riefen und sie fragten, sagte sie, dass das Herzchen noch am Schlagen sein und dass es eine Weile dauern könnte, bis es aufhören würde. Sie war sehr einfühlsam und bedacht.

Wir blieben also liegen, ich hatte Julius auf meiner nackten Brust und konnte das Beisammensein genießen. Sein Körper war sehr warm, durch die Decke und den Kontakt zu mir. Am Köpfchen merkte man bereits, dass es begonnen hatte, auszukühlen.

Alle 10 Minuten kam die Ärztin herein und horchte mit dem Stethoskop, ob noch Herztöne zu hören sind. Sie war immer sehr achtsam und behutsam. Diese Zeit hat uns sehr stark miteinander verbunden. Sie war in dieser Zeit so präsent für uns da und hat Julius so eng begleitet, dass ich mich ihr sehr nahe fühle. Sie gehört ganz fest in die letzten Stunden von Julius` Leben auf dieser Erde.

Ungefähr eineinhalb Stunden nach dem Entfernen der Beatmung konnte dann kein Herzschlag mehr festgestellt werden. Julius ist nach acht Tagen auf dieser Erde in den frühen Abendstunden verstorben.

Ein tiefer Friede stellte sich bei uns allen ein.

Schmerz und Friede. Zugleich.

10 Am Donnerstag Abend

Als wir von unserem Entscheidungs-Spaziergang zurückkamen, habe ich gemerkt, dass ich Julius sehr vermisst habe und das obwohl wir nur wenige Meter entfernt waren und auch nur kurze Zeit von ihm getrennt waren. Ich habe mich sehr gefreut, wieder zu ihm zu gehen.

Als ich die Klingel am Eingang der Neonatologie gedrückt habe, habe ich gedacht: das könnte das letzte Mal sein, dass ich hier stolz sagen kann: hier ist die Mama von Julius.

Klar, die Mama werde ich bleiben, aber ich werde wohl nicht mehr hier ein- und ausgehen. Dann kamen wir in Julius Zimmer und ich habe ihn erst einmal inniglich begrüßt.

Die letzte Zeit, die wir noch mit Julius hatten wollten wir gemeinsam als Familie erleben. Dazu haben wir unsere Familien gebeten, uns alleine zu lassen. Wir haben auch angekündigt, dass wir unsere Handys ausmachen werden, weil wir uns ganz auf die Momente mit Julius einlassen wollten.

Ich wollte die letzte Zeit, die wir mit Julius haben, so innig genießen, wie es nur geht.

Das gleiche haben auch die Schwestern gedacht. Sie hatten sich Gedanken gemacht, wie sie uns die verbleibende Zeit so angenehm wie nur irgendwie möglich machen können und wollten versuchen, in diesen engen, kleinen Raum zwei Krankenhausbetten hineinzustellen. Dafür hatten sie alle Geräte abgebaut, die wir nicht mehr brauchen würden und haben die Infusionen umgehängt, sodass noch etwas mehr Platz entstanden ist. Dann haben sie ein Bett hineineschoben. Dann wurde Julius auf dieses Bett umgelegt. Das Pflegebettchen kam aus dem Zimmer raus und ein zweites Bett wurde in das Zimmer geschoben. Wie ein Wunder passte dies noch daneben.

In dieser Nacht konnten wir also mit Julius zwischen uns in einem Bett schlafen. Für die Versorgung würden die Schwestern das vordere Bett ein wenig nach vorne ziehen, um Julius zu erreichen, so war der Plan. Und so hat es die Nachtschwester auch gemacht. Und Robert, der auf dem vorderen Bett geschlafen hat, hat es nicht einmal gemerkt.

Doch bevor wir uns zu Julius ins Bett legten, hatte Robert noch eine Bitte an die Ärzte der Neonatologie bzw. an die Ärzte der Kinderstation. Er wollte sich gerne die MRT-Bilder zeigen und erklären lassen. Eine Assistenzärztin, die Dienst hatte zu dieser Zeit, konnte noch nicht alle Fragen abschließend klären. Aus diesem Grund kam am Donnerstag Abend um halb zehn noch einmal der Chefarzt der Klinik und hat Robert die MRT-Bilder ausführlich gezeigt und mit den ersten MRT-Bildern verglichen.

Der Eindruck war eindeutig. Die Struktur des Gehirns kaum noch zu erkennen. Damit war nun die letzte offene Frage, der letzte kleine Zweifel beseitigt. Der Weg, die Geräte abzustellen, wurde bestätigt.

In der Zeit, in der Robert mit dem Chefarzt gesprochen hat, habe ich mich zu Julius gelegt, mit ihm gekuschelt und Selfies gemacht. Als Robert zurückkam, hat er sich noch eine Weile ganz nah an Julius gekuschelt, bevor wir uns dann bettfertig gemacht haben und uns zu ihm gelegt haben. Wir haben die Ganze Nacht mit ihm gekuschelt und Händchen gehalten.

09 Die Entscheidung

Wir gehen noch einmal spazieren. Raus an die frische Luft. Julius ist zum ersten Mal alleine. Wir gehen wieder im Dunkeln um das Gebäude herum. Wieder mit viel Weinen, da der Zustand unseres Kindes wirklich nicht schlechter sein könnte. Wir lieben ihn doch so sehr und wir haben uns so auf ihn gefreut und wir wollen ihn doch nicht loslassen…

Wir lieben ihn aber auch so sehr, dass wir ihn nicht leiden sehen wollen. Und weil diese Liebe so groß ist – so intensiv wie Elternliebe sein kann – wollen wir ihn nicht festhalten.

Wir entscheiden, dass wir ihm die Möglichkeit geben zu sterben.

Was für eine schwere Entscheidung.

Schwer und traurig. Wie wir die Kraft dazu haben, wissen wir nicht.

Wir rufen dann meine Mama an, die zu uns kommt und wir berichten ihr dann von unserer Entscheidung. Alle weinen wir gemeinsam. Aber ich weiß – wir wissen – dass es die richtige Entscheidung ist. Und wir werden auch feststellen, dass wir richtig entschieden haben. Unsere Entscheidung wird bestätigt werden.

Elternliebe ist größer als die Liebe zum eigenen Glück.

Elternliebe ist stärker, als der eigene Wille.

Elternliebe ist größer als alles andere.

Elternliebe macht alles möglich. Sogar, dass man loslässt, was man am innigsten liebt: das eigene Kind.

08 Psychologische Betreuung

Wir haben bereits am Freitag Abend, nach dem ersten MRT die Psychologin kennen gelernt, die Eltern in schwierigen Situationen begleitet. Schon da sprach sie mit uns über Julius, seinen Zustand, unsere Gefühle und Bedenken und einfach über alles, was uns so durch den Kopf ging. Sie war dann am Wochenende nicht da und am Montag krank, sodass wir sie dann am Dienstag noch einmal gesehen haben. Und dann jeden Tag bei uns hatten. Das war ein riesiges Glück für uns.

Sie hat meistens geklopft und gefragt, ob wir sie brauchen. Und ja, wir haben sie immer gebraucht. Wir haben mit ihr über unsere Gedanken gesprochen und gelernt, dass alles erlaubt ist auszusprechen und zu fragen.

Sie hat uns bestärkt, in die Zukunft zu denken. Mit ihr haben wir gesprochen, wie es wäre, wenn Julius sterben würde und welche Schritte dann auf uns zukommen. Mit ihr haben wir die Idee entwickelt, dass wir in der Geburts- und Traueranzeige auch schreiben, dass wir uns wünschen, dass die Leute sich nur über eine eigens dafür eingerichtete Emailadresse melden. Das war eine erleichternde Idee, weil wir dadurch nicht unvorbereitet auf Nachrichten stoßen, die wir ggf. nicht verarbeiten können.

Diese psychologische Betreuung hat uns auch geholfen auf die Zukunft ohne Julius zu blicken. Muss ich arbeiten? Nein – eine Krankschreibung von drei bis sechs Monaten sei kein Problem. Erst einmal gilt es, mit dem neuen Leben klarzukommen.

Und sie ermutigte uns, dass Trauer keine Form haben muss. Alles ist erlaubt. Es gibt keine „richtige“ Trauer, man kann Trauer nicht steuern und man kann nicht voraussagen, was Trauer mit einem macht. Trauer ist einfach da.

Wir sollen einfach machen, was uns gut tut. Lachen, wenn uns zum Lachen ist, Weinen, wenn uns zum Weinen ist, Schreien, wenn uns zum Schreien ist und so weiter. Und solange wir nicht die Gefühle mit Drogen betäuben, sollen wir dem folgen, was uns gerade in den Sinn kommt. Und wir sollen einander nicht verlieren. Die Trauer ist nicht gleich bei zwei Menschen. Sie unterscheidet sich. Sie hat eine andere Form. Auch da gibt es kein „besser“ und „schlechter“ – man braucht Verständnis für den Anderen und dessen Form der Trauer. Jeder kann trauern, jeder kann dem anderen helfen, miteinander können wir es schaffen. Diese Betreuung ist so wunderbar und wertvoll für uns gewesen, dass man es nicht in Worte fassen kann. Da hilft nur eines: DANKE!

07 Das zweite MRT

Julius kommt nun wieder. Das MRT ist überstanden! Er sieht noch gestresster aus und wirkt angestrengt. Nun ist er wieder in seinem Bettchen und das tut gut. Für das Umlagern haben sie die Pritsche aus dem kleinen Zimmer entfernt, um sich bewegen zu können. Nun sitzen wir auf Stühlen bei ihm.

Es ist eine Anspannung im Raum. Die Ergebnisse des MRT interessieren uns natürlich sehr, aber wir fürchten sie auch. Als dann der Chefarzt kam mit der Schwester, die gerade im Dienst war und uns die Ergebnisse mitteilte, waren wir auf alles gefasst.

Die Ergebnisse waren vernichtend. Die Bilder zeigen, dass das Gehirn unseres Jungen nicht mehr gesund ist. Nein, man muss sogar sagen: es kann in diesem Gehirn kaum noch normale Aktivität gesehen werden. Zum Teil hat sich das Gehirn bereits zersetzt.

Natürlich ist dies ein Schockmoment. Das denkbar Schlimmste ist nun eingetreten.

Wir fragen weiter nach. Die Voraussage ist, dass unser Julius in seinem Leben NIE kommunizieren wird mit uns. Er würde nie sprechen, er würde nie seine Augen öffnen, er würde nie seine Hände oder Füße bewegen, er würde wohl keinen Kanal haben, über den er mit uns Kontakt aufnehmen könnte.

Klar, man kann diese Kinder weiter behandeln. Dann bekommt er eine feste Beatmung durch den Hals und eine ständige Magensonde und man könnte ihn mit dieser Intensivbetreuung nach Hause nehmen. Dann braucht er ein Pflegebett, zwei Beatmungsmaschinen (eine für zu Hause und eine für Unterwegs), er braucht eine 24-Stunden Pflege und wir eine Ausbildung zur Intensivbetreuung eines derartigen Kindes.

Diese Variante kommt nicht wirklich in Frage. Ein solches Leben endet oft, weil sich Zugänge infizieren oder Kinder mit schweren Krankheiten wieder ins Krankenhaus müssen und dort dann die Behandlung immer wieder in Frage gestellt wird. Die Ärzte formulieren ganz deutlich, dass sie empfehlen, die Behandlung zu beenden.

Die Entscheidung liegt aber bei uns.

Damit verlassen sie den Raum. Ja – wir müssen entscheiden.

Und eigentlich haben wir ja schon entschieden.

06 Vor dem zweiten MRT

Am Mittwoch morgen erwache ich, weil alle Maschinen im Raum eine kurze Pause machen. Ein Schreck durchfährt meinen Körper. Ich fühle mich, als stände ich im Bett. Alles piept und ruckelt sich dann wieder zurecht, beginn weiter zu arbeiten. Was war das?

Ich schaue zu Julius, er liegt friedlich schlafend in seinem Bett. Alles ist „normal“.

Nur wenige Sekunden später steht die zuständige Schwester in der Tür und sagt: „Alles ist gut – das sind nur die routinemäßigen Tests des Notstromaggregats. Wir haben nur vergessen, diese anzukündigen. Aber Julius hat überhaut nicht reagiert darauf, alles ist wie immer und gleich wird alles wieder umschalten auf Normalstrom. Das wird noch einmal kurz ruckeln, aber da wissen Sie ja, was passiert“.

Gut, nun bin ich wach. Der Tag kann beginnen. Wir waschen Julius und dann darf er wieder auf unsere Arme. Er ist dann wieder auf unseren Armen. Wir genießen es, dass wir ihn weiter halten können. Doch irgendwie ist die Sorglosigkeit der letzten zwei Tage verschwunden. Warum das so ist, kann ich nicht sagen.

Am Nachmittag werden die Werte von Julius schlechter. Er bekommt eine marmorierte Haut. Irgendwas stimmt nicht. Ich merke an meinem Kind, dass es ihm nicht gut geht. Und das, obwohl er ja nur schläft. In mir entsteht eine Unsicherheit. Irgendwie werde ich unruhig.

Julius kommt in sein Bettchen, weil man von dort aus besser die Versorgung machen kann.

Wir bitten meine Mutter, sich zu Julius zu setzen und gehen ein bisschen spazieren. Ich gehe zum ersten Mal wirklich raus in die Welt. Sie interessiert mich nicht. Ich will nicht weg von Julius, aber mein Mann spürt, dass es gut für uns ist. Und er wird Recht behalten.

Also gehen wir raus. Wir sprechen unsere Unsicherheit aus. Wird Julius weiterleben?

Weinend laufe ich neben meinem Mann her. Wir sprechen, auch er muss immer wieder weinen, denn die Gedanken um unseren geliebten Sohn schmerzen sehr. Wieder kommen wir an den Punkt, dass wir Julius nicht festhalten wollen. Wir wollen nicht, dass er unnötig leidet, wir wollen nicht, dass er nur lebt, weil wir ihn nicht loslassen können.

Und es sprudelt aus mir heraus: „Wenn Julius stirbt, dann soll er unter einem Baum liegen“. Endlich kann ich meine Gedanken und Ängste aussprechen. Das tut unwahrscheinlich gut. Alles ist erlaubt. Und ich will Julius nicht gehen lassen! Wir beide wollen ihn nicht verlieren! Wer will schon sein geliebtes Kind gehen lassen?

Aber wir wollen ihn aber auch nicht leiden sehen. Wir wollen, dass es ihm gut geht. Wir wollen alles dafür tun, dass Julius seinen Weg gehen kann. Wieder sind wir an dem Punkt, dass wir uns einig sind, dass wir ihn nicht halten wollen, nur weil wir ihn nicht loslassen können.

Dann haben wir noch einen Moment für uns. Ich bin vor einigen Tagen von der Wochenbettstation entlassen worden. Seitdem haben wir eine Art Gästezimmer im Gebäude der Geburtsstation. Dort legen wir uns ganz kurz auf das Bett. Gemeinsam. Das tut gut. Die vergangenen Tage haben wir so nebeneinander her gelebt. Nun sind wir wieder Eins. Wir sind Eltern, wir gehören zusammen, wir sollten uns nicht aus den Augen verlieren. Und mit dieser kurzen Zeit der Verbundenheit haben wir uns als Eltern noch einmal gesammelt – haben noch einmal Kraft geschöpft aus der Energie, die zwischen uns entstanden ist.

So sind wir zurück zu unserem geliebten Julius. Seit einiger Zeit habe ich mir angewöhnt, beim Klingeln an der Neonatologie auf die Frage: „Ja?“ mit: „Die Mama von Julius“ zu antworten. Jedes Mal macht mich das glücklich und stolz. Ja, ich bin seine Mama.

Und einmal, als ich den Flur entlang ging, hörte ich, wie eine Schwester zur anderen sagte: „Schau, das ist die Mama von Julius“ – in diesem Moment war ich sehr stolz. Ich bin die Mama dieses tollen Jungen.

Woher weiß ich, dass Julius ein toller Junge ist?

Ich weiß es. Ich bin so tief verbunden mit ihm, dass ich weiß, dass er mehr ist, als ein „gewöhnlicher“ Junge. Und doch ist er ganz anders. Er lacht nicht, er weint nicht, er schaut uns nicht an, er reagiert nicht auf unsere Bewegungen. Und doch spüre ich seinen Geist, seine Präsenz, sein Sein. Er ist besonders, nicht besser. Er ist anders. Mit ihm kann man keine „normale“ Beziehung leben. Es braucht eine andere Verbindung. Eine Verbindung, die mehr ist als eine körperliche Begegnung. Diese Verbindung haben wir mit ihm geknüpft. Ich spüre sein Unwohlsein, obwohl er nicht schreien kann. Ich spüre die Anstrengung, obwohl er keine Miene verzieht.

Sein „Leben“ ist sehr anstrengend geworden. Da sind viele Maschinen, die ihm helfen, „da“ zu bleiben. Die eine Maschine bläst ihn immer wieder auf. Sie pumpt Luft in seine kleine, geplagte Lunge. Und sobald die Luft wieder entweicht, bläst sie Luft nach. Eine andere Maschine hat ihm ständig Nahrung zugeführt. Eine dritte Maschine hat ihm Medikamente zur Verfügung gestellt. Dazu die anderen Maschinen, die seine Vitalwerte messen.

All diese Maschinen strengen ihn an.

Es ist nicht nur für uns anstrengend, die Geräusche zu ertragen und das Piepen, wenn etwas nicht ganz ausgewogen ist. Es ist auch für Julius anstrengend, der zwar die Geräusche nicht wahrnimmt, aber eben durch die Maschinen beeinflusst wird. Diese Beeinflussung – die ihn am Leben hält – scheint nun mit der Zeit eine Last für ihn zu werden.

Morgen, am Donnerstag, ist Julius zu einem zweiten MRT angemeldet. Dieses soll noch einmal das Gehirn und die Gefäße durchleuchten und zeigen, welche Entwicklung dort stattgefunden hat.

Eine weitere Nacht verbringe ich an Julius` Seite. Nun steht sein Bettchen sogar ganz an meiner Pritsche, quasi wie ein Beistellbett. Ich kann also seine Hand halten, während ich schlafe. Und das mache ich auch. Ich genieße diesen engen Kontakt sehr. Ich will ihn nicht loslassen. Am liebsten will ich ihn nie loslassen!

Der neue Morgen kommt. Meine Eltern und meine Schwester kommen noch einmal zu Besuch. Meine Schwester verabschiedet sich von ihrem Patensohn. Sie geht nun wieder nach Hause. Die Reise war anstrengend für sie – sie ist im 5.Monat schwanger und braucht die Kräfte auch für ihr eigenes Baby. Liebevoll wendet sie sich Julius zu und ich bin sicher: sie bleibt in Gedanken immer bei uns und bei ihm. Mein Vater wird heute die Geburtsurkunde auf dem Standesamt abholen.

Dann kommen noch Roberts Eltern mit Roberts Schwester zu Besuch. Auch sie nehmen Julius noch einmal intensiv wahr und verbinden sich mit ihm.

Um 11:45 Uhr ist das MRT und ab 11:00 Uhr wird er in den Transport-Inkubator verlegt und er beginnt die Reise zum MRT.

Ich bitte meinen Mann, Julius zu begleiten und bin sehr froh, dass er mitgeht. Ich selber lege mich im Nebenzimmer auf die Pritsche, mit dem Plan noch ein bisschen zu schlafen. Ich döse einige Minuten und bin ansonsten einfach mal „bei mir“. Auch das ist sehr lange her, dass ich alleine ohne Ablenkung bin. Ich schreibe mit einer Freundin, die sich erkundigt, wann denn unser Kindlein wohl kommen wird… „Nun ja“, schreibe ich, „Julius Aaron ist geboren und wir kämpfen mit ihm um sein Leben, das am seidenen Faden hängt“. Ich merke, wie gut es mir tut, mal darüber zu sprechen mit Jemandem.

Julius ist bisher wie ein großes Geheimnis. Wir haben es der zweiten Patentante geschrieben. Auch sie ist eine gute Freundin von mir und wir fühlen, dass es wichtig ist, sie miteinzubeziehen. Denn sie hat bereits vor der Geburt einen schönen aufmerksamen Kontakt zu Julius gehabt, ihm eine Spieluhr genäht in Form einer Krake. Von seiner Geburt wisssen auch die Arbeitskollegen von Robert. Wie es ihm geht wissen sie von einem Kollegen, der den anderen alles berichten kann, falls Fragen kommen. Und der befreundete Notar weiß um Julius und darum, dass wir mit ihm im Krankenhaus sind. Die anderen wollen wir nicht aufschrecken und wir wollen uns nicht belasten mit den vielen Anfragen, die dann auf uns zukommen.

Also weiß es kaum Jemand. Und wir haben die volle Aufmerksamkeit auf Julius. Das ist auch gut so.

05 Luxuszeit mit Julius

Nach der Aufwärmung können wir Julius auf den Arm nehmen. Das hat man uns bereits vorher gesagt und wir haben uns natürlich unheimlich darauf gefreut. Endlich konnten wir unseren heiß ersehnten Sohn in die Arme nehmen.

Am Montag morgen dann ist es soweit. Julius ist auf Zieltemperatur. Er hat nun 36,5°C und darf nun auf meinen Arm. Noch vor Ende der Nachtschicht legt mir meine Lieblingsschwester mein Kind in meinen Arm. Ich saß erwartungsvoll auf dem extra dafür hergebrachten Krankenhausbett und wartete auf den Moment, in dem ich Julius das erste Mal halten durfte. Um ihn auf meinen Arm zu legen, brauchten sie zwei Schwestern, damit mit den vielen Kabeln nichts schief gehen kann. Die eine Schwester hat Julius gehalten, die Julius bereits gut kennt, die andere Schwester organisiert die Kabel.

Und dann kommt der Moment, in dem ich Julius wirklich spüren kann. Er liegt in meinem Arm. Sein Köpfchen liegt in meiner linken Armbeuge, sein Körper liegt auf meinen Beinen, die im Schneidersitz zusammenliegen. Mit meiner rechten Hand kann ich ihn halten, kann ihn berühren. Ich habe das Gefühl, dass ich ihn endlich in seiner Ganzheit wahrnehmen kann – in seiner körperlichen Ganzheit. Mein Herz macht Sprünge. Ganz beseelt nehme ich meinen Sohn wahr. Langsam begreife ich, dass das mein Kind ist, unser Sohn. Mit jeder Faser kann ich ihn spüren und mein Glück ist perfekt.

Der versorgende Arzt kam dann zurück (er war das ganze Wochenende nicht da und riet uns, während dieser Kühlphase nicht zu viel mit den anderen Ärzten zu kommunizieren). Das hat nicht immer geklappt – wir haben zwischendurch auch ungute Gespräche geführt und Informationen erhalten, die uns nicht immer gut getan haben.

Nun ist „unser“ Arzt also zurück und bespricht noch einmal alles ganz genau mit uns. Er spricht uns dann Mut zu, die kommenden Tage ausführlich zu genießen mit den Worten: „Nun habe ich Ihnen Ihren Sohn drei Tage lang weggenommen. Sie konnten ihn nicht anfassen und mussten sich sehr zurückhalten – nun haben Sie Zeit, Ihren Sohn zu genießen. Die nächsten zwei Tage könnt ihr Julius halten, mit ihm Fußabdrücke machen, mit ihm andere Dinge machen, die einfach nur Freude machen. Genießen Sie diese Zeit“.

Ja – das wollten wir sehr gerne. Wir wollten ihn halten, wollen ihn berühren und ihn als Teil unserer gerade entstandenen Familie wahrnehmen.

Der Arzt fügte dann noch hinzu: „Und ich mache nun einfach mal die Bildschirme aus. Wir kontrollieren die Vitalwerte Ihres Sohnes im Schwesternzimmer und sollte etwas nicht stimmen, dann kommen wir und kümmern uns. Sie brauchen sich nicht kümmern, dürfen nun einfach Ihren Sohn genießen“.

Einverstanden. Nun können wir uns die Sorgen vergessen. Wir können ihn erleben, können uns einfach auf ihn und sein Wesen einlassen. Wir freuen uns darüber sehr. Wir genießen Julius sehr. Ich bin nur beglückt, ihn so nah bei mir zu haben.

Die Zeit vergeht ganz schnell. Zwei Stunden sind schneller vorbei, als sonst. Ich muss abpumpen und einmal auf die Toilette und dazu muss Julius kurz in sein Bettchen zurück. Wieder braucht es zwei Schwestern und ich erledigte kurz das Notwendigste, um ihn dann wieder auf meinen Arm zu nehmen. Weitere vier Stunden habe ich Julius dann bei mir gehabt. Ich habe ihn gehalten – es wurde so schön warm zwischen uns. Nicht nur die enge Verbundenheit, die wir miteinander haben war nun erlebbar, sondern auch die physische Nähe hat mich nun sehr berührt. Es war eine schöne Zeit.

Wir haben uns von den lieben Verwandten, die um uns herum sind, erbeten, dass wir die meiste Zeit „alleine“ sind. Gerne empfangen wir kurze Besuche und wir freuen uns über die Versorgung mit Essen und Kleidung. Aber die meiste Zeit wollen wir uns als Familie erleben.

Gegen zwölf Uhr durfte dann mein Mann Robert, der frisch gebackene Papa, seinen Sohn halten. Wie stolz er ist! Der Papa.

Und ich bin so wahnsinnig berührt. Mein Mann ist nun Papa geworden und er ist der beste Papa der Welt! Ich bin sicher, dass er der beste Papa ist. Er ist der beste Papa für Julius, aber er wird auch der beste Papa sein für die Geschwister von Julius.

Er hält ihn in seinen Armen.

Er hat ihm den ersten Kuss gegeben – er hat mit ihm sein erstes Selfie gemacht – er hat ihn verteidigt gegenüber Schwestern und Ärzten. Der Mann, der zuvor wenig Zugang hatte und einige Hindernisse hatte, sich auf ein Kind wirklich einzulassen, dieser Mann sitzt nun hier und hält seinen schlafenden, komatösen Sohn in den Armen und ist stolz. Einfach nur stolz. Und ich bin stolz, dass die beiden sich haben.

Bevor ich Mama geworden bin, konnte ich mir nicht vorstellen, dass es mir nichts ausmachen würde, wenn Robert mit seinem Sohn eine enge Verbindung hat. Aber es machte mir nichts aus, nein: ich bin stolz und froh darüber. Ich genoss die Stimmung. Ich schmiegte mich eng an die beiden an. Wir sind eine Familie!

Ich kenne also keine Eifersucht. Klar, ich hätte gerne mein Sohn wieder auf dem Arm. Aber ich weiß, dass auch mein Mann ihn halten will und das auch ihm das gut tut, also ist es kein Problem, den beiden die nötige Zeit zu geben.

Gegen vier Uhr dann bekomme ich Julius noch einmal auf den Arm. Ich bin ziemlich müde. Die letzten Tage waren einfach zu anstrengend und ich habe viel zu wenig Schlaf bekommen. Eine Schwester hat die Idee, dass ich mich ins Bett legen kann und Julius wird vor mich gelegt. So kann ich ihn spüren und halten und gleichzeitig ein bisschen ausruhen.

Meine Mama sitzt vor dem Bett. Er kann nicht herausfallen (das kann er sowieso nicht, weil er keine eigenständigen Bewegungen macht). Ich liege also da – müde und beseelt. Und ich nicke immer wieder ein. Da ich angst habe, dass ich die Beatmung behindern könnte, bitte ich meinen Mama, aufzupassen, dass ich nichts berühre.

Die Stimmung habe ich als sehr innig in Erinnerung. Es ist ein reiner Genuss, Julius so eng bei mir zu haben und den Alltag zu genießen. Oder zumindest das, was man an Alltag in einer Neonatologie so leben kann.

Nachts ist Robert wieder ganz nah bei Julius. Ich wollte nun auch nah sein. Ich liege in seinem Bett (im Nebenzimmer von Julius und nicht in meinem Bett auf der Wochenbettstation) und schlafe zwischen 11 und 2 Uhr. Dann schläft er ein bisschen, während ich wieder bei Julius bin und dort ruhe…

Auch der Dienstag ist voll von Nähe zu Julius. Ich halte ihn wieder morgens. Wir haben heute eine Pritsche im Zimmer, die ist etwas schmaler und passt etwas besser. Wir sitzen dann darauf und halten Julius so in den Armen.

Heute ist noch ein Ereignis einer ganz anderen Art, welches wir einplanen müssen. Gerade wird die Firma verkauft, bei der mein Mann Anteile hat und dafür braucht es die Einverständnis meines Mannes. Er muss eigentlich dabei sein, seine Unterschrift abgeben. Doch kann und will er nicht weg. Ich bitte ihn, doch unseren befreundeten Notar anzurufen und ihn zu bitten, zu kommen und sich um die Unterschrift zu kümmern.

Noch wusste er nichts von der Geburt von Julius – außer der Familie haben wir nur ganz vereinzelt mit Freunden gesprochen. Also haben wir ihm kurz gesagt, in welcher Lage wir sind und haben ihm Bilder geschickt. Und er hat sich gekümmert. Er hat einen alten Studienkollegen gefunden, der sich wirklich bereit erklärt hat, uns zu helfen. (Der befreundete Notar konnte das nicht übernehmen, weil er bereits beratend als Anwalt involviert ist). So haben wir um 14:00 Uhr an diesem Tag Besuch von einem Notar, der uns auf der Neonatologie besucht.

Mir ist an dieser Stelle wichtig zu betonen, dass wir ein riesiges Glück haben, dass wir so viele Menschen um uns herum haben, die uns wahnsinnig helfen. Die hinter uns stehen – bedingungslos und ohne zu Fragen. So auch der befreundete Notar: Tausend Dank!

Unsere Familie ist herausragend! Sie ist da, wenn wir sie brauchen – reagieren in wenigen Minuten und bringen uns alles, was wir uns wünschen. Und sie respektieren unsere Privatsphäre, wenn wir sie darum bitten. Großartig! Wir wissen nach wie vor nicht, wie wir die Zeit überstanden hätten, wenn wir die Familie nicht um uns gehabt hätten. Für die materiellen Dinge, aber auch für die emotionalen Unterstützungen.

Um diesen Besuch des Notars einzuplanen, hat Robert Julius dann bis ca. 13:30 Uhr gehalten, dann habe ich ihn wieder auf den Arm genommen.

Wir sind glücklich, alles ist stabil und wir genießen diese Zeit in vollen Zügen. Die Ängste von Sonntag Nacht sind erst einmal „in den Hintergrund“ getreten. Wir sind einfach nur im Moment angekommen. Alles andere zählt nichts mehr. Nur dieser Moment. Nur das Zusammensein mit Julius zählt.

Durch eine Blutabnahme am Abend wird klar, dass auch am nächsten Tag keine weitere Untersuchungen stattfinden können. Denn der Spiegel eines Medikaments ist zu hoch, um ein aussagekräftiges EEG machen zu können. Also bleibt auch der Mittwoch ein Kuscheltag.

Eine Veränderung gibt es aber noch an diesem Dienstag. Auch ich bekomme eine Schlafmöglichkeit in Julius` Nähe. Ich kann auf der Pritsche schlafen. Im Raum von Julius, ganz nah. Ich bin sehr erleichtert über diese Möglichkeit und wir sind abends wirklich so müde, dass wir schon um zehn Uhr abends ins Bett gehen.

Natürlich werde ich wach, wenn die Schwestern kommen, um Julius zu pflegen, aber das macht mir gar nichts aus. Denn auch ich muss ja immer wieder aufwachen zum Pumpen. Immer noch habe ich einen Dreistunden-Rhythmus. Und auch dies macht mir nichts aus, weil ich kann ja bei Julius sein! Ich bin ganz nah, ich kann pumpen und ihn gleichzeitig spüren!

Und weil ich so nah sein kann, finde auch ich nun einige Stunden Schlaf. Ich schlafe die erste Nacht mehr als drei Stunden! Und das tut gut.