Nach der Aufwärmung können wir Julius auf den Arm nehmen. Das
hat man uns bereits vorher gesagt und wir haben uns natürlich unheimlich darauf
gefreut. Endlich konnten wir unseren heiß ersehnten Sohn in die Arme nehmen.
Am Montag morgen dann ist es soweit. Julius ist auf Zieltemperatur. Er hat nun 36,5°C und darf nun auf meinen Arm. Noch vor Ende der Nachtschicht legt mir meine Lieblingsschwester mein Kind in meinen Arm. Ich saß erwartungsvoll auf dem extra dafür hergebrachten Krankenhausbett und wartete auf den Moment, in dem ich Julius das erste Mal halten durfte. Um ihn auf meinen Arm zu legen, brauchten sie zwei Schwestern, damit mit den vielen Kabeln nichts schief gehen kann. Die eine Schwester hat Julius gehalten, die Julius bereits gut kennt, die andere Schwester organisiert die Kabel.
Und dann kommt der Moment, in dem ich Julius wirklich spüren
kann. Er liegt in meinem Arm. Sein Köpfchen liegt in meiner linken Armbeuge,
sein Körper liegt auf meinen Beinen, die im Schneidersitz zusammenliegen. Mit
meiner rechten Hand kann ich ihn halten, kann ihn berühren. Ich habe das
Gefühl, dass ich ihn endlich in seiner Ganzheit wahrnehmen kann – in seiner körperlichen
Ganzheit. Mein Herz macht Sprünge. Ganz beseelt nehme ich meinen Sohn wahr.
Langsam begreife ich, dass das mein Kind ist, unser Sohn. Mit jeder Faser kann
ich ihn spüren und mein Glück ist perfekt.
Der versorgende Arzt kam dann zurück (er war das ganze
Wochenende nicht da und riet uns, während dieser Kühlphase nicht zu viel mit
den anderen Ärzten zu kommunizieren). Das hat nicht immer geklappt – wir haben
zwischendurch auch ungute Gespräche geführt und Informationen erhalten, die uns
nicht immer gut getan haben.
Nun ist „unser“ Arzt also zurück und bespricht noch einmal alles ganz genau mit uns. Er spricht uns dann Mut zu, die kommenden Tage ausführlich zu genießen mit den Worten: „Nun habe ich Ihnen Ihren Sohn drei Tage lang weggenommen. Sie konnten ihn nicht anfassen und mussten sich sehr zurückhalten – nun haben Sie Zeit, Ihren Sohn zu genießen. Die nächsten zwei Tage könnt ihr Julius halten, mit ihm Fußabdrücke machen, mit ihm andere Dinge machen, die einfach nur Freude machen. Genießen Sie diese Zeit“.
Ja – das wollten wir sehr gerne. Wir wollten ihn halten,
wollen ihn berühren und ihn als Teil unserer gerade entstandenen Familie
wahrnehmen.
Der Arzt fügte dann noch hinzu: „Und ich mache nun einfach
mal die Bildschirme aus. Wir kontrollieren die Vitalwerte Ihres Sohnes im
Schwesternzimmer und sollte etwas nicht stimmen, dann kommen wir und kümmern
uns. Sie brauchen sich nicht kümmern, dürfen nun einfach Ihren Sohn genießen“.
Einverstanden. Nun können wir uns die Sorgen vergessen. Wir
können ihn erleben, können uns einfach auf ihn und sein Wesen einlassen. Wir
freuen uns darüber sehr. Wir genießen Julius sehr. Ich bin nur beglückt, ihn so
nah bei mir zu haben.
Die Zeit vergeht ganz schnell. Zwei Stunden sind schneller vorbei, als sonst. Ich muss abpumpen und einmal auf die Toilette und dazu muss Julius kurz in sein Bettchen zurück. Wieder braucht es zwei Schwestern und ich erledigte kurz das Notwendigste, um ihn dann wieder auf meinen Arm zu nehmen. Weitere vier Stunden habe ich Julius dann bei mir gehabt. Ich habe ihn gehalten – es wurde so schön warm zwischen uns. Nicht nur die enge Verbundenheit, die wir miteinander haben war nun erlebbar, sondern auch die physische Nähe hat mich nun sehr berührt. Es war eine schöne Zeit.
Wir haben uns von den lieben Verwandten, die um uns herum
sind, erbeten, dass wir die meiste Zeit „alleine“ sind. Gerne empfangen wir
kurze Besuche und wir freuen uns über die Versorgung mit Essen und Kleidung.
Aber die meiste Zeit wollen wir uns als Familie erleben.
Gegen zwölf Uhr durfte dann mein Mann Robert, der frisch gebackene Papa, seinen Sohn halten. Wie stolz er ist! Der Papa.
Und ich bin so wahnsinnig berührt. Mein Mann ist nun Papa
geworden und er ist der beste Papa der Welt! Ich bin sicher, dass er der beste
Papa ist. Er ist der beste Papa für Julius, aber er wird auch der beste Papa
sein für die Geschwister von Julius.
Er hält ihn in seinen Armen.
Er hat ihm den ersten Kuss gegeben – er hat mit ihm sein
erstes Selfie gemacht – er hat ihn verteidigt gegenüber Schwestern und Ärzten.
Der Mann, der zuvor wenig Zugang hatte und einige Hindernisse hatte, sich auf
ein Kind wirklich einzulassen, dieser Mann sitzt nun hier und hält seinen
schlafenden, komatösen Sohn in den Armen und ist stolz. Einfach nur stolz. Und
ich bin stolz, dass die beiden sich haben.
Bevor ich Mama geworden bin, konnte ich mir nicht vorstellen, dass es mir nichts ausmachen würde, wenn Robert mit seinem Sohn eine enge Verbindung hat. Aber es machte mir nichts aus, nein: ich bin stolz und froh darüber. Ich genoss die Stimmung. Ich schmiegte mich eng an die beiden an. Wir sind eine Familie!
Ich kenne also keine Eifersucht. Klar, ich hätte gerne mein
Sohn wieder auf dem Arm. Aber ich weiß, dass auch mein Mann ihn halten will und
das auch ihm das gut tut, also ist es kein Problem, den beiden die nötige Zeit
zu geben.
Gegen vier Uhr dann bekomme ich Julius noch einmal auf den
Arm. Ich bin ziemlich müde. Die letzten Tage waren einfach zu anstrengend und
ich habe viel zu wenig Schlaf bekommen. Eine Schwester hat die Idee, dass ich
mich ins Bett legen kann und Julius wird vor mich gelegt. So kann ich ihn
spüren und halten und gleichzeitig ein bisschen ausruhen.
Meine Mama sitzt vor dem Bett. Er kann nicht herausfallen
(das kann er sowieso nicht, weil er keine eigenständigen Bewegungen macht). Ich
liege also da – müde und beseelt. Und ich nicke immer wieder ein. Da ich angst
habe, dass ich die Beatmung behindern könnte, bitte ich meinen Mama,
aufzupassen, dass ich nichts berühre.
Die Stimmung habe ich als sehr innig in Erinnerung. Es ist
ein reiner Genuss, Julius so eng bei mir zu haben und den Alltag zu genießen.
Oder zumindest das, was man an Alltag in einer Neonatologie so leben kann.
Nachts ist Robert wieder ganz nah bei Julius. Ich wollte nun auch nah sein. Ich liege in seinem Bett (im Nebenzimmer von Julius und nicht in meinem Bett auf der Wochenbettstation) und schlafe zwischen 11 und 2 Uhr. Dann schläft er ein bisschen, während ich wieder bei Julius bin und dort ruhe…
Auch der Dienstag ist voll von Nähe zu Julius. Ich halte ihn
wieder morgens. Wir haben heute eine Pritsche im Zimmer, die ist etwas schmaler
und passt etwas besser. Wir sitzen dann darauf und halten Julius so in den
Armen.
Heute ist noch ein Ereignis einer ganz anderen Art, welches
wir einplanen müssen. Gerade wird die Firma verkauft, bei der mein Mann Anteile
hat und dafür braucht es die Einverständnis meines Mannes. Er muss eigentlich
dabei sein, seine Unterschrift abgeben. Doch kann und will er nicht weg. Ich
bitte ihn, doch unseren befreundeten Notar anzurufen und ihn zu bitten, zu
kommen und sich um die Unterschrift zu kümmern.
Noch wusste er nichts von der Geburt von Julius – außer der
Familie haben wir nur ganz vereinzelt mit Freunden gesprochen. Also haben wir
ihm kurz gesagt, in welcher Lage wir sind und haben ihm Bilder geschickt. Und
er hat sich gekümmert. Er hat einen alten Studienkollegen gefunden, der sich
wirklich bereit erklärt hat, uns zu helfen. (Der befreundete Notar konnte das
nicht übernehmen, weil er bereits beratend als Anwalt involviert ist). So haben
wir um 14:00 Uhr an diesem Tag Besuch von einem Notar, der uns auf der
Neonatologie besucht.
Mir ist an dieser Stelle wichtig zu betonen, dass wir ein
riesiges Glück haben, dass wir so viele Menschen um uns herum haben, die uns
wahnsinnig helfen. Die hinter uns stehen – bedingungslos und ohne zu Fragen. So
auch der befreundete Notar: Tausend Dank!
Unsere Familie ist herausragend! Sie ist da, wenn wir sie
brauchen – reagieren in wenigen Minuten und bringen uns alles, was wir uns
wünschen. Und sie respektieren unsere Privatsphäre, wenn wir sie darum bitten.
Großartig! Wir wissen nach wie vor nicht, wie wir die Zeit überstanden hätten,
wenn wir die Familie nicht um uns gehabt hätten. Für die materiellen Dinge,
aber auch für die emotionalen Unterstützungen.
Um diesen Besuch des Notars einzuplanen, hat Robert Julius
dann bis ca. 13:30 Uhr gehalten, dann habe ich ihn wieder auf den Arm genommen.
Wir sind glücklich, alles ist stabil und wir genießen diese Zeit in vollen Zügen. Die Ängste von Sonntag Nacht sind erst einmal „in den Hintergrund“ getreten. Wir sind einfach nur im Moment angekommen. Alles andere zählt nichts mehr. Nur dieser Moment. Nur das Zusammensein mit Julius zählt.
Durch eine Blutabnahme am Abend wird klar, dass auch am nächsten Tag keine weitere Untersuchungen stattfinden können. Denn der Spiegel eines Medikaments ist zu hoch, um ein aussagekräftiges EEG machen zu können. Also bleibt auch der Mittwoch ein Kuscheltag.
Eine Veränderung gibt es aber noch an diesem Dienstag. Auch
ich bekomme eine Schlafmöglichkeit in Julius` Nähe. Ich kann auf der Pritsche
schlafen. Im Raum von Julius, ganz nah. Ich bin sehr erleichtert über diese
Möglichkeit und wir sind abends wirklich so müde, dass wir schon um zehn Uhr
abends ins Bett gehen.
Natürlich werde ich wach, wenn die Schwestern kommen, um
Julius zu pflegen, aber das macht mir gar nichts aus. Denn auch ich muss ja
immer wieder aufwachen zum Pumpen. Immer noch habe ich einen
Dreistunden-Rhythmus. Und auch dies macht mir nichts aus, weil ich kann ja bei
Julius sein! Ich bin ganz nah, ich kann pumpen und ihn gleichzeitig spüren!
Und weil ich so nah sein kann, finde auch ich nun einige
Stunden Schlaf. Ich schlafe die erste Nacht mehr als drei Stunden! Und das tut
gut.