Hervorgehoben

00 Das kurze Leben von Julius Aaron

Am 29.11.2018 habe ich mein erstes Kind bekommen.

Einen Sohn. Julius Aaron.

Herzlich Willkommen, kleiner Mann :).

Sein Leben war kurz – viel zu kurz.

Was wir mit ihm erleben durften und wie wir die Zeit nach seinem Tod erlebt haben, das soll Inhalt dieses Blogs werden.

Es soll eine Mischung aus Tagebucheinträgen, Erinnerungen und an Berichten aus unserem jetzigen Alltag ohne unseren Julius sein. Vielleicht finden auch Briefe an meinen Sohn hier einen Platz.

54 Tagebucheintrag heute vor einem Jahr

Lieber Julius,
Heute waren wir endlich am Grab. An deinem Grab. Wir haben den vögeln Futter gebracht, die Kerze im Leuchtturm angezündet, das Laub ein bisschen zur Seite geschoben und dir dein Geburtstagsgeschenk gebracht: ein wetterfestes Windspiel mit einem bunten Vogel.
Deine kleine Schwester hat mit den Windrädern auf deinem Grab gespielt. Wir haben uns um dein Grab gekümmert.
Es tat gut.
Ich fühle mich entlastend. Irgendwie. War da. An deinem Grab. Konnte etwas tun. Für dich etwas tun. Oder tue ich es mehr für mich?
Das ist eigentlich gerade nebensächlich. Hauptsache ist, dass es gut tut.

Und dann schiebt deine kleine Schwester ihren Kinderwagen den Weg entlang. Begleitet von Papa. Beide laufen ein Stück von deinem Grab weg. Und ich bleibe da. An deinem Grab.
Und plötzlich habe ich wieder einige Momente alleine mit dir. Geschwenkte Momente. Ich fühle mich ganz nah. Ganz eng mit dir verbunden, erzähle dir gedanklich von deiner tollen Schwester. Und davon, wie sehr ich dich vermisse. Vermisse an meiner Hand.

Heute vor zwei Jahren haben wir dich in Freiheit entlassen. Heute vor zwei Jahren bist du auf meiner Brust verstorben.
Heute bist du tot.
Zwei Jahre leben wir nun schon ohne dich. Zwei lange Jahre. Viel zu lange schon. Und doch ist es vermutlich nur ein kurzer Zeitraum, verglichen zu der Zeit, die noch vor uns liegt… ohneeinander.

Wir sind zwar nicht beieinander, können uns nicht an den Händen halten. Und dennoch bist du da. Präsent. In mir lebendig.
Du darfst sein, was du bist. Du musst nichts erfüllen oder erbringen. Du bist schon so viel. Mein Sohn. Mein geliebter Sohn. Das bist du und wirst es immer sein. Danke, dass es sich gibt!
Ich liebe dich sehr;)
Deine Mama

Und heute?

Heute habe ich zwei Kinder an der Hand. Seit zwei Tagen bin ich tagsüber alleine mit ihnen. Und obwohl es anstrengend ist, genieße ich diese Zeit mit den beiden sehr. Heute ganz besonders. Weil ich dieses Loch so deutlich spüre, dass durch den Tod meines ersten Sohnes entstanden ist. Ich liebe alle meine drei Kinder. Sehr. Jedes auf seine Art.

Das vermissen tut weh. Das Nichts-Tun-Können auch. Diese Machtlosigkeit. Dieses Ausgeliefertsein. Frust.

Trauer eben.

53 Morgen ist dein Geburtstag

Lieber Julius,
Heute vor drei Jahren war meine Welt noch in Ordnung. Heute vor drei Jahren habe ich auf die Geburt gewartet. Du warst gesund, mir ging es gut. Kein Anzeichen dafür, was am nächsten Tag über uns hereingebrochen kommt:
Der Sauerstoffmangel bei/nach der Geburt, die Dauer der Reanimation, die Verlegung in die NEO des nächsten Krankenhauses, die Nachricht, dass es nicht gut um dich steht…
Und dann in der folgenden Woche:
Deine Kühlung, diverse Krisen, das Anpassen der Körpertemperatur auf Normalniveau, weitere Krisen, ängste, sorgen, Begegnungen, erste Körperkontakte, Untersuchungen, schlechte Ergebnisse. Dein Tod.
Ungreifbar.
Ungerecht.
Trauer.

Die letzten drei Jahre lebe ich mit dieser Trauer. Ich lerne damit zu leben. Die ersten vier Monate waren sehr schlimm. Anstrengend und wie in einer anderen Welt.
Dann kam die Lebensfreude wieder. Für einzelne Momente erst, dann – mit dem Wissen um die erneute Schwangerschaft – wurde sie stabiler. Hoffnung. Zuversicht. Freude.
Und immer Trauer um dich.
Jeden 29. eines Monats ging es mir nicht gut. Erst nach einem Jahr wusste ich das zuzuordnen.
Die Geburt deiner Schwester hat vieles verändert; leben kam ins Haus. Viel Leben. Anstrengung, Freude, Ablenkung.
Die Trauer blieb.
Die Freude um Deine kleine Schwester und die Freude um deinen kleinen Bruder (der sich ein Jahr später ankündigte) machten das Leben perfekt. Fast perfekt, denn du fehlst.
Dein kleiner Bruder ist nun da. Fast zwei Monate alt (ihm fehlt noch eine Woche). Er ist ein gemütlicher, genießender Mensch. Bringt weitere Freude in unser Leben.
Du fehlst.
Deine kleine Schwester ist fast zwei Jahre alt (ein Monat noch bis zu ihrem Geburtstag). Sie ist fröhlich, gut gelaunt und unser Sonnenschein.
Du fehlst.
Diese Lücke bleibt. Morgen wirst du drei Jahre alt. Morgen ist dein Geburtstag. Morgen vor drei Jahren bist du geboren. Kurz danach haben wir dich verloren.
Wo bist du? Möchte ich schreien?
Ich will allen zeigen, dass es dich gibt! Doch wer will das schon wissen? Wer will das noch sehen?
Gerade ertrage ich wenig. Ich ertrage es nicht, wenn meine Cousine schreibt: liebe Grüße an euch vier (klar ist das lieb gemeint). Ich ertrage es nicht, dass ich dir nichts schenken kann. Ich ertrage es nicht, dass ich fast nichts vorbereiten kann für deinen Geburtstag. Ich ertrage nichts!
Ich vermisse dich!
Du bist ewig in meinem Herzen!
Du wirst ewig vermisst.
Du wirst ewig geliebt.

Ich hoffe, dass wir deinen Geburtstag morgen schön feiern können. Mit Kuchen und deinen Geschwistern. Mit Kuchen für die Vögel an deinem Grab. Mit guten Gedanken und Wünschen von anderen Menschen.
Hoffentlich bleibst du auch in den Herzen anderer unvergessen.
Das ist einer meiner Wünsche.
Dass du da sein darfst, auch wenn du tot bist!
Dass du geliebt wirst, auch wenn du fehlst!

Ich möchte zur Ruhe kommen. Weiß aber, dass diese Unruhe bleiben wird. Sie wird weniger. Aber sie bleibt. So wie die Liebe zu dir bleiben wird. Trauer und Liebe als Teil meines Lebens.

Morgen ist dein Geburtstag.
Wir werden feiern.
Und trauern.
Und lieben.

Für immer lieben,
Deine Mama

51 Es bleibt unbegreiflich

Ich fand gestern in den Untiefen meiner Handtasche das kleine Fotoalbum von Julius. Es ist nur 10×10 cm groß, damit ich es immer mitnehmen kann. Immer.

Es ist inzwischen alt geworden und hat Kratzer. Es war wohl auch mal sehr nass. Es sieht nicht mehr schön aus. Doch die Bilder. Sie sind so wichtig.

Ich saß da und habe mit der kleinen Schwester das Fotobüchlein angeschaut. Da wurde mir klar: ich möchte gerne, dass auch sie ein geeignetes Fotobuch hat, in dem sie ihren Bruder immer sehen kann. Während sie ihren Mittagschlaf gemacht hat, habe ich also geschaut, ob es Fotobücher mit Pappseiten gibt.

Natürlich gibt es sowas. Und dann habe ich mich dran gesetzt und ihr ein solches Büchlein gestaltet. Dabei habe ich natürlich alle Bilder noch einmal angeschaut. Von unserer gemeinsamen Zeit mit Julius. Und es ist immernoch so, dass wenn ich diese Bilder in Ruhe betrachte, dass mir dann die Erinnerungen kommen. Tränen steigen auf. Tränen des Schmerzes.

Wie kann es sein, dass mein geliebtes Kind gestorben ist? Wie kann das sein?

Dieser Schmerz sitzt sehr tief. Aber wenn ich mich einlasse darauf, dann merke ich, wie mein Herz schreit. Schreit vor lauter Ungerechtigkeit. Schreit vor lauter Sehnsucht. Schreit wegen dem Verlust. Es Schreit. Schreit.

Julius wäre nun 21 Monate alt. Könnte laufen, ja wahrscheinlich schon rennen. Könnte sprechen und wäre hier wohl ein Wirbelwind in unserer Wohnung. Hätte er Locken? Würde er viel lachen? Wie wäre er mit seiner kleinen Schwester?

Ich werde es nie erleben . Nie erfahren. Das tut weh.

Julius wird geliebt. Geliebt, wie ein verstorbenes Kind. Er ist in meinen Armen verstorben. Ich habe ihn gehalten. Und gleichzeitig losgelassen. Ich bin immer für ihn da und gleichzeitig ist er frei. Er ist immer Teil meines Lebens und ist doch nicht sichtbar.

Ach Julius. Ich liebe dich.

Ich vermisse dich.

Deine Mama.

50 Richtige Worte

Wie finde ich die richtigen Worte…

…Worte für Sterneneltern. Worte, die zeigen, wie tief mich ihr Schicksal berührt, wie sehr ich an sie und ihre Kinder denke…

…Worte, die diffuse Gefühle beschreiben…

…Worte, die mehr helfen, als dass sie weh tun…

Ich weiß es nicht. Dies ist ein Versuch. Eine Annäherung.

Ich denke an euch. An euch alle. Aber gerade im besonderen an euch Eltern von Moritz Christian und auch euch Eltern von kleinen Geschwisterchen. Lange habt ihr auf eure kleinen Wesen gewartet, habt sie eingeladen, euch gefreut und musstet sie viel zu früh gehen lassen.

Es gibt keinen Trost.

Aber es gibt Freuden im Leben, die dem Schmerz etwas entgegensetzen. Da ist die Liebe zum Partner, zum Kind, zur Familie, zu Freunden. Da ist die Sonne, die Natur, die Kunst, die Musik. Da ist vielleicht auch was ganz anderes…

Der Schmerz bleibt.

Verändert sich. Bleibt.

Darf bleiben. Zeigt er doch, wie stark die Liebe zu dem verlorenen Kind ist. Trauer ist nur da, wo auch Liebe ist. Das ist mir aber im Prozess der Trauer klar geworden. Und mir hilft es. Denn die Liebe ist so groß, so stark, so präsent. Darum ist auch die Trauer allgegenwärtig.

Meine Freude ist erwacht in der Natur und findet seine Krönung in unserer Tochter 😉

Ich wünsche euch viel Kraft und Mut.

Viel Freude.

Ihr seid nicht alleine

49 Tagebucheintrag 2.Mai 2020

Heute Morgen habe ich ein Bild einer Künstlerin gesehen. Es zeigt zwei Kinder; ein etwas größerer Junge und ein kleineres Mädchen. Der Junge hat seinen Arm auf den Schultern des Mädchens liegen. Geschwister: großer Bruder und kleine Schwester. So hätte es sein können.

So wird es nie sein –

Es tut weh. Julius fehlt. Es ist nicht in Worte zu fassen, wie sehr er fehlt! Und dennoch ist er Teil unserer kleinen Familie. Er gehört zu uns.

Da ist dieser Schmerz. Diese Trauer. Da ist er! Er ist da. Wird nicht gehen. Wird bleiben und uns begleiten.

Wir werden währenddessen sehen, wie unser Mädchen wächst und sich entwickelt. Sie ist unser Sonnenschein. Sie ist lebendig. Jeden Tag. Macht unser Leben lebendig. Und freudig. Und strahlend…

Und in der Nacht strahlt ein Sternchen am Himmel und erinnert uns an unseren geliebten Sohn. Julius. Auf immer ist er in unseren Herzen.

Geliebter Sohn. Geliebte Tochter. Geliebter Mann. Geliebte Familie. So verschiedene Arten der Liebe. Die eine lebendig und strahlend. Die andere besinnlich und sehnsüchtig. Die nächste voll Dankbarkeit und Verbindung. Alle zusammen machen mein Leben aus. Ihr alle seid mein Leben. Danke, dass es euch gibt. Irgendwie und irgendwo…

48 Unser kleines Mädchen ist da.

Seit inzwischen drei Monaten :).

Sie kündigte sich ca. 28 Stunden vor der Geburt durch einen Blasensprung an. Wir fuhren dann ins Krankenhaus – in das Krankenhaus, in dem Julius damals behandelt wurde. Denn dort konnten wir sicher sein: die kennen sich aus mit Kindern. Sollte sie Unterstützung brauchen, dann sind Ärzte, Medikamente und Geräte nur wenige Meter vom Kreißsaal entfernt.

Das gab uns Ruhe und Sicherheit.

Insgesamt war alles nicht so einfach. Eines der ersten CTG war auffällig: die Herztöne gingen plötzlich runter und waren dann auf einmal weg. Das passierte zwei mal. Beim zweiten Mal standen innerhalb von kürzester Zeit Hebamme, Ärztin und Ultraschall im Zimmer und haben untersucht.

Ich war stark verunsichert. Weinend habe ich verfolgt, wie die Ärztin schnell wieder einen Herzton gefunden hat. Ich habe der Anweisungen gefolgt, wie ich liegen soll. Vermutlich hatte sie sich die Nabelschnur eingeklemmt zwischen Kopf und Becken. Das war zu Beginn einer danach schlaflosen Nacht. Und die anfänglichen Wehen waren auch erst mal weg.

Als es Tag wurde, ich wieder aufgestanden war und mich bewegte, kamen ganz langsam leichte Wehen. Während ich mich bewegte waren sie da. Sollte ich aber zum CTG sitzen oder gar liegen, waren die Wehen quasi weg.

Es war mühsam. Die vielen Unterbrechungen machten die Wehenarbeit schwer.

Am Nachmittag dann bekam ich Antibiotika (weil der Blasensprung schon 18 Stunden her war) und die Hebammen sprachen davon, dass sie in 6 Stunden Wehen einleiten, sollten meine Wehen nicht deutlich stärker werden.

Also liefen wir weiter. Gang auf und ab. Draußen auf dem Gelände, treppauf, treppab und wieder den Gang entlang… es tat sich wenig.

Als letzter Versuch sollte ich in die Wanne. Ich fühlte mich dort wohl, bewegte mich im Wasser und die Wehen wurden stärker. Endlich.

Als ich aus der Wanne raus kam, hatten wir ein Aufklärungsgespräch zum Einleiten der Wehen.

Ich hatte das Gefühl, dass ich das nicht will. Meine Wehen erschienen mir stark genug. Und doch: wir unterschrieben die Unterlagen. Ich wollte so gerne meine heiss ersehnte Tochter in den Armen halten!

Dann kam eine neue Hebamme. Sie nahm uns nach kurzem Kennenlernen mit in den Kreissaal. Die Untersuchungen zeigte: es tut sich was. Und dann ging alles ganz schnell. Die Wehen wurden stärker, die Hebamme begleitete uns die ganze Zeit. Und nach etwa zwei Stunden war sie da. Unsere Tochter!

Doch dann folgte der zweite Schock! Sie war ganz blau, ganz schlapp und hat nur gejapst. Da lag sie – wunderschön und perfekt. Aber!

Wie Julius?

Nein! Sie japst! Sie schafft das!

Sie wird abgenabelt und in den Reanimationsraum gebracht. Papa geht mit. Darf dabei sein! Anders als bei Julius! Bei ihm sitzt der Schock tief.

Sie bekommt Sauerstoff über eine Maske. Erholt sich. Wird rosig, beginnt, sich zu bewegen und zu schreien!

Papa schickt mir Bilder von ihr. Ich bin sehr beschäftigt mit meinem Körper. Die Plazenta wird geboren. Alles wird sauber gemacht. Die Zeit vergeht schnell und nach 30 Minuten kommt sie. Meine Tochter, unsere Tochter! Sie darf auf meine nackte Brust liegen! Ich fühle mich glücklich. Erschöpft und glücklich.

Nun ist sie schon einen Monat bei uns. Wir waren nur kurz im Krankenhaus. Haben die U2 abgewartet und als alles gut war zwei Tage nach der Geburt, sind wir mit ihr nach Hause. Dort hatten wir mehr Ruhe. Das tat mir gut.

Das Stillen ist schwer für uns. Wir üben immer noch. Ich kämpfe weiter. Stille sie lange mit Schmerzen. Irgendwann wird es besser.

Und auch sonst. Wir haben die schönsten Momente. Mit ihr. Erste versuche, mit uns zu lachen. Ruhige wache Momente, kuschelige Schlafzeiten. Wir genießen es sehr.

Doch wir müssen uns auch erst gewöhnen. Der wenige Schlaf. Die vielen Unterbrechungen. Das  Schreien. Das teilweise unstillbare Schreien.

Dann sind wir verzweifelt! Was sollen wir tun? Was braucht sie? Alles würden wir tun. Wir tun alles, was wir können. Tragen sie singend stundenlang durch die Wohnung. Sie liebt das Tragetuch. Es hilft sehr.

Ich nehme an, dass wir durch unsere Vorgeschichte mit Julius durchaus erschwerte Voraussetzungen haben. Angespannter sind, ängstlicher sind.

Und ich bin emotionaler. Weine viel. Vor allem am Anfang. Bin verzweifelt. Ich habe Angst, es nicht zu schaffen. Der Aufgabe nicht gerecht zu werden. Weine dann verzweifelt. So hat Papa ein weinendes Baby und eine weinende Mama zu versorgen. Ohne den Papa wäre ich verzweifelt!

Er gibt alles. Macht den Haushalt und unterstützt mich emotional, wo er kann. Und er nimmt unsere Tochter, um mich zu entlasten. Damit ich duschen kann. Zwischendurch. Oder Zähne putzen. Oder einfach mal was für mich machen.

Danke Papa.

Wie schön, dass du da bist, kleines Mädchen. Wie schön, dich bei uns zu haben. Dich zu halten, dich zu trösten, dich zu stillen. Mit dir spazieren zu gehen, mit dir zu lachen. Ja, MIT DIR ZU LEBEN.

Und du, kleiner lieber Julius, du bist auch dabei. Tief in unseren Herzen nehmen wir dich mit. Schritt für Schritt. Minute für Minute. All diese Momente hätten wir so gerne auch mit dir erlebt.

Wie fühlt es sich an Mama und Sternenmama zu sein? Das werde ich noch einmal genauer beschreiben in einem neuen Kapitel. Eins jedoch vorweg: das Mama leben dürfen ist ein großes Glück!

47 Kindermund tut Wahrheit kund

Ich hatte Besuch von Nachbarn. Ihre Kinder sind sechs und acht Jahre alt. Ich kenne sie seit mehr als sechs Jahren. Sie wollten das kleine Mädchen begrüßen. Unser neues Baby.

Doch die Kleine schlief. Schlief im Tragetuch an meinem Körper. Sie schlief die ganze Zeit – so konnte die Nachbars-Familie sie gar nicht richtig sehen.

Wir hatten es trotzdem schön. Haben Kaffee getrunken und Kekse gegessen. Und zum Abschied habe ich gesagt: „Dann kommt ihr einfach nochmal und dann könnt ihr sie sehen“.

„Ja“ sagte die kleine Schwester. „Und Julius will ich auch mal sehen“.

Hm.

Was jetzt sagen. Drei Erwachsene suchen nach Worten. „Das wäre schön“ sage ich. Die Mutter sagt: „Julius ist doch schon im Himmel“. Da besinnt sich das Kind und sagt „ja“.

„Aber er sieht uns vielleicht“ sage ich. Hoffnungsvoll, dass das so ist. „Er ist doch irgendwie da“. Wir überlegen alle. Dann sagt das Kind „aber das Grab, das will ich mal sehen“. Ja. Das ist möglich. Irgendwann.

Das Mädchen aus der Nachbarschaft malt: Juliusmama, Juliusschwester und Julius.

Und dann – einige Zeit später bekomme ich wieder Besuch von den beiden Schwestern und ihrer Mama. Sie bringen Geschenke mit. Zwei Blümchen, ein selbstgebasteltes Mobile von der großen Schwester und ein Bild von der kleinen Schwester (siehe unten).

Es zeigt, was wir alle empfinden. Wir sind hier auf der Erde. Ich, die Mama von Julius und dem Baby. Mit dem Baby, mit Julius kleiner Schwester im Tuch. Bei mir. Ich lächle, bin dankbar, dass sie da ist. Dankbar und voll Liebe.

Und Julius? Auch er ist da. Im Himmel oben. Da liegt er. Da fliegt er. Bei den Sternen.

Er nimmt viel Raum ein. Ist ein Rätsel. Für uns alle. Er ist irgendwie da und dann doch wieder nicht. Er ist nicht da und dann doch immer um uns herum. So erlebt es die kleine Nachbarin. Und zeichnet es. Wie wahr, kleine Nachbarin, wie wahr.

Danke, dass du uns gezeigt hast, wie du das wahrnimmst.

Diesmal ist unser Baby wach. Trinkt, wird gewickelt, strampelt und lächelt mit den Kindern. Nun lernen sie sie kennen. Unsere kleine Tochter. Die kleine Schwester von Julius.

46 Julius ist großer Bruder

Julius ist großer Bruder geworden.

Seine Schwester wurde am 29.12.2019 geboren. Nun ist sie mit ihren 5 Wochen schon älter, als der große (kleine) Bruder. Sie ist gesund. Sie fordert uns. Sie ist lebendig. Sie ist bedürftig. Sie ist da.

Alles, was wir tun, tun wir gerne. Wir tun es mit Liebe und Freude. Und doch ist es nicht immer leicht. Oft sind wir gefordert, manchmal am Rande unserer Kräfte. Doch es macht uns Spaß für sie da zu sein. Es macht uns reich.

Wie gerne hätten wir all das auch für Julius getan. Immer wieder denke ich diesen Gedanken. Jedes Leid hätte ich gerne auf mich genommen für ihn. Es hilft nichts. Wir haben andere Aufgaben im Bezug auf Julius.

Unser Mädchen bekommt alles, was es braucht. Alles, was wir tun können, tun wir. Wir tun es gerne. Ich trage sie viel im Tragetuch. Sie findet dort am Besten zur Ruhe. Und ich: ich spüre sie. Bin nah bei ihr und kann sicher sein: es geht ihr gut.

Noch ist unser Alltag sehr intensiv. Wir müssen uns noch gewöhnen. Aneinander, an die neuen Aufgaben, an den unterbrochenen Schlaf…

Ich werde weiter berichten. Von unserem neuen Alltag. Von unseren Gedanken an Julius. Von uns als Familie mit einem Kind im Himmel. Wahrscheinlich werden die Beiträge am Anfang etwas kürzer sein. Weil nur wenig Zeit bleibt, um in Ruhe zu schreiben.

45 Unsere „Julius-Woche“

Wenn sich Ereignisse jähren, dann erinnert man sich manchmal an sie. Geburtstage und Jahrestage werden gefeiert, Todestagen wird gedacht. Man besinnt sich: was haben wir damals erlebt?

Am Geburtstag von Julius haben wir dem Moment gedacht, als Julius geboren wurde. 16:24 Uhr. Julius ist auf die Welt gekommen und doch war er nicht wirklich da. Er hat seine Augen nicht aufgeschlagen, hat keine Luft eingeatmet und selbst sein Herzlein hat nicht kräftig genug geschlagen. Er brauchte Hilfe. Die Geburt war ein magischer Moment und die Zeit danach so leer. Kraftlos. Haltlos. Ahnungslos. Hoffnungsvoll und dann doch erschütternd. Diese ersten Stunden. So schwer.

Julius hat gekämpft. Wurde verlegt ins Westend. Lag dort gekühlt und an Maschinen. Wir haben ihn besucht. Er sollte nicht alleine sein. Wir waren für ihn da, so viel wir konnten. Haben wenig geschlafen. Haben mit ihm gelitten. Mit Julius, unserem kleinen Mann.

Immer wieder haben wir in dieser Woche den einzelnen Momenten gedacht: „Jetzt vor einem Jahr, haben sie begonnen, ihn aufzuwärmen“. Oder „Jetzt vor einem Jahr hatten wir ihn das erste Mal im Arm“. Bewegte Momente kamen in uns hoch. Wir haben die Emotionen wieder erlebt. Uns erinnert und viel an Julius gedacht.

Besondere Momente waren auch diejenigen, in denen ich Tagebuch geschrieben habe und mich erinnert habe. Was war damals gewesen? Vor einem Jahr? Gefühle kamen hoch. Ich habe viel geweint. Denn obwohl wir seit fast einem Jahr ohne unseren geliebten Sohn leben, ist es so unbegreiflich, dass er nicht mehr bei uns ist.

Er fehlt uns.

Jeden Tag.

Bewegend waren auch die Tage, an denen sich seine letzten Lebenstage und –stunden gejährt haben. Damals, vor einem Jahr, war sein zweites MRT. Das MRT welches gezeigt hat, dass keine Therapiemöglichkeiten mehr bestehen. Das MRT welches ausschlaggebend war für die Entscheidung, dass Julius gehen darf. Dass er sterben darf. Dass er erlöst werden sollte von seinem Leiden.

Diese Momente haben mich am meisten bewegt. Wie konnte ich damals diese schwere Entscheidung treffen? Welche Kraft hat mich dazu bewegt? Heute erscheint mir das so fern. Und gleichzeitig kann ich mich direkt hineinfühlen. Erinnere mich genau an die Gefühle und Gedanken. An die Fragen.

Zweifel habe ich höchst selten. Es war und ist richtig.

Aber.

Es macht mich trotzdem sprachlos. Hoffnungslos. Traurig.

Dann kamen die letzten Stunden. Stunden voller zarter Berührungen. Das erste Mal das eigene Kind auf der Brust spüren. Für mich eines der wichtigsten und stärksten Momente. Julius war damals so präsent. So entspannt. So nah.

Und doch war er nur schlafend bei uns. Bewegungslos.

Dann kamen die Momente des Todes. Er hat diese Welt losgelassen. Ist weggeflogen – in Freiheit.

Am Todestag waren wir am Grab. Mit Onkel, Tante und Cousine. Haben es noch einmal schön gemacht. Die Cousine bringt so viel Leben und Natürlichkeit an das Grab; es ist eine Freude das zu sehen.

Julius hat bei vielen Menschen an seinem Geburtstag und seinem Todestag zu Erinnerungen beigetragen. Wir haben Glückwünsche und Trauerbekundungen erhalten. Die Glückwünsche waren sehr bereichernd. Die Freude, dass wir ihn haben. Unseren Julius. Diese Freude teilen zu dürfen ist sehr wertvoll.

Auch die guten Gedanken zu seinem Tod haben uns berührt und dennoch: es ist schwer zu ertragen, dass wir ihn loslassen mussten.

Am folgenden Tag waren wir auf der Gedenkveranstaltung für Sternenkinder. Wir sind seit diesem Jahr in einer Selbsthilfegruppe. Eine Selbsthilfegruppe von Sterneneltern für Sterneneltern. Anfangs haben wir die Gruppe besucht – inzwischen sind wir auch im „Vorbereitungs-Team“ und engagieren uns für die Treffen, für die Organisation der Gruppe und eben für die Feste. Dieses Jahr haben wir zum ersten Mal mitgeholfen, das Gedenkfest zu organisieren. Es war traurig-schön.

Es gab Lieder von zwei Musikern, die gesungen und dazu Geige bzw. Akkordeon gespielt haben. Es gab einen Chor, der gesungen hat. Eine Sternenmama hat ein Gedicht und ein Lied vorgetragen. Und: als Höhepunkt des Festes wurden die Namen der Kinder vorgelesen, deren Angehörige auf dem Fest anwesend waren. Diese haben die Namen aufgeschrieben. Aufgeschrieben auf eigens dafür gestalteten Formen. Diese hingen vorne in der Kapelle. Und wir alle haben den Kindern gedacht. „Wir denken an …“. Und auch Julius wurde genannt. Unser Julius. So viele Menschen haben auch an unseren Julius gedacht. Wie tröstlich das sein kann!

Damit wurde unsere „Julius-Woche“ abgerundet. Julius war sehr präsent. Julius regte zum Erinnern an. Julius stand im Mittelpunkt. Unser Julius Aaron.