Seit inzwischen drei Monaten :).
Sie kündigte sich ca. 28 Stunden vor der Geburt durch einen Blasensprung an. Wir fuhren dann ins Krankenhaus – in das Krankenhaus, in dem Julius damals behandelt wurde. Denn dort konnten wir sicher sein: die kennen sich aus mit Kindern. Sollte sie Unterstützung brauchen, dann sind Ärzte, Medikamente und Geräte nur wenige Meter vom Kreißsaal entfernt.
Das gab uns Ruhe und Sicherheit.
Insgesamt war alles nicht so einfach. Eines der ersten CTG war auffällig: die Herztöne gingen plötzlich runter und waren dann auf einmal weg. Das passierte zwei mal. Beim zweiten Mal standen innerhalb von kürzester Zeit Hebamme, Ärztin und Ultraschall im Zimmer und haben untersucht.
Ich war stark verunsichert. Weinend habe ich verfolgt, wie die Ärztin schnell wieder einen Herzton gefunden hat. Ich habe der Anweisungen gefolgt, wie ich liegen soll. Vermutlich hatte sie sich die Nabelschnur eingeklemmt zwischen Kopf und Becken. Das war zu Beginn einer danach schlaflosen Nacht. Und die anfänglichen Wehen waren auch erst mal weg.
Als es Tag wurde, ich wieder aufgestanden war und mich bewegte, kamen ganz langsam leichte Wehen. Während ich mich bewegte waren sie da. Sollte ich aber zum CTG sitzen oder gar liegen, waren die Wehen quasi weg.
Es war mühsam. Die vielen Unterbrechungen machten die Wehenarbeit schwer.
Am Nachmittag dann bekam ich Antibiotika (weil der Blasensprung schon 18 Stunden her war) und die Hebammen sprachen davon, dass sie in 6 Stunden Wehen einleiten, sollten meine Wehen nicht deutlich stärker werden.
Also liefen wir weiter. Gang auf und ab. Draußen auf dem Gelände, treppauf, treppab und wieder den Gang entlang… es tat sich wenig.
Als letzter Versuch sollte ich in die Wanne. Ich fühlte mich dort wohl, bewegte mich im Wasser und die Wehen wurden stärker. Endlich.
Als ich aus der Wanne raus kam, hatten wir ein Aufklärungsgespräch zum Einleiten der Wehen.
Ich hatte das Gefühl, dass ich das nicht will. Meine Wehen erschienen mir stark genug. Und doch: wir unterschrieben die Unterlagen. Ich wollte so gerne meine heiss ersehnte Tochter in den Armen halten!
Dann kam eine neue Hebamme. Sie nahm uns nach kurzem Kennenlernen mit in den Kreissaal. Die Untersuchungen zeigte: es tut sich was. Und dann ging alles ganz schnell. Die Wehen wurden stärker, die Hebamme begleitete uns die ganze Zeit. Und nach etwa zwei Stunden war sie da. Unsere Tochter!
Doch dann folgte der zweite Schock! Sie war ganz blau, ganz schlapp und hat nur gejapst. Da lag sie – wunderschön und perfekt. Aber!
Wie Julius?
Nein! Sie japst! Sie schafft das!
Sie wird abgenabelt und in den Reanimationsraum gebracht. Papa geht mit. Darf dabei sein! Anders als bei Julius! Bei ihm sitzt der Schock tief.
Sie bekommt Sauerstoff über eine Maske. Erholt sich. Wird rosig, beginnt, sich zu bewegen und zu schreien!
Papa schickt mir Bilder von ihr. Ich bin sehr beschäftigt mit meinem Körper. Die Plazenta wird geboren. Alles wird sauber gemacht. Die Zeit vergeht schnell und nach 30 Minuten kommt sie. Meine Tochter, unsere Tochter! Sie darf auf meine nackte Brust liegen! Ich fühle mich glücklich. Erschöpft und glücklich.
Nun ist sie schon einen Monat bei uns. Wir waren nur kurz im Krankenhaus. Haben die U2 abgewartet und als alles gut war zwei Tage nach der Geburt, sind wir mit ihr nach Hause. Dort hatten wir mehr Ruhe. Das tat mir gut.
Das Stillen ist schwer für uns. Wir üben immer noch. Ich kämpfe weiter. Stille sie lange mit Schmerzen. Irgendwann wird es besser.
Und auch sonst. Wir haben die schönsten Momente. Mit ihr. Erste versuche, mit uns zu lachen. Ruhige wache Momente, kuschelige Schlafzeiten. Wir genießen es sehr.
Doch wir müssen uns auch erst gewöhnen. Der wenige Schlaf. Die vielen Unterbrechungen. Das Schreien. Das teilweise unstillbare Schreien.
Dann sind wir verzweifelt! Was sollen wir tun? Was braucht sie? Alles würden wir tun. Wir tun alles, was wir können. Tragen sie singend stundenlang durch die Wohnung. Sie liebt das Tragetuch. Es hilft sehr.
Ich nehme an, dass wir durch unsere Vorgeschichte mit Julius durchaus erschwerte Voraussetzungen haben. Angespannter sind, ängstlicher sind.
Und ich bin emotionaler. Weine viel. Vor allem am Anfang. Bin verzweifelt. Ich habe Angst, es nicht zu schaffen. Der Aufgabe nicht gerecht zu werden. Weine dann verzweifelt. So hat Papa ein weinendes Baby und eine weinende Mama zu versorgen. Ohne den Papa wäre ich verzweifelt!
Er gibt alles. Macht den Haushalt und unterstützt mich emotional, wo er kann. Und er nimmt unsere Tochter, um mich zu entlasten. Damit ich duschen kann. Zwischendurch. Oder Zähne putzen. Oder einfach mal was für mich machen.
Danke Papa.
Wie schön, dass du da bist, kleines Mädchen. Wie schön, dich bei uns zu haben. Dich zu halten, dich zu trösten, dich zu stillen. Mit dir spazieren zu gehen, mit dir zu lachen. Ja, MIT DIR ZU LEBEN.
Und du, kleiner lieber Julius, du bist auch dabei. Tief in unseren Herzen nehmen wir dich mit. Schritt für Schritt. Minute für Minute. All diese Momente hätten wir so gerne auch mit dir erlebt.
Wie fühlt es sich an Mama und Sternenmama zu sein? Das werde ich noch einmal genauer beschreiben in einem neuen Kapitel. Eins jedoch vorweg: das Mama leben dürfen ist ein großes Glück!