Wir haben uns für einen bewaldeten Friedhof entschieden. So
kann unser Kind unter einem Baum bestattet werden. Wir haben uns gegen einen
Stein entschieden und haben stattdessen ein Klangspiel aus Holz und Perlen
gebastelt, auf dem der Name von Julius und sein Geburts- und Todesdatum zu
finden ist. Zudem haben wir einen Kranz vorbereitet, an den alle Beteiligten
der Trauerfeier gute Wünsche für Julius hinterlassen können.
Wir haben einen frühen Termin für die Bestattung. Um zehn Uhr
können wir in der wunderschönen hölzernen Stabkirche unsere kleine, private
Trauerfeier begehen. Unsere Familien sind wieder vollständig: meine Eltern, die
Eltern von Robert, mein Bruder mit Frau und Kind, meine Schwester mit Freund
und die Schwester von Robert. Unsere Hebamme, die uns vor der Geburt betreut
hat, ist gekommen und es sind sechs Personen aus der Neonatologie gekommen. Wir
sind verzaubert, dass sie alle da sind.
Die enge Verbundenheit mit diesen Schwestern und Ärzten ist
kaum in Worte zu fassen. Sie gehören so sehr zu dem kurzen Leben von Julius
dazu und wir sind ihnen sehr dankbar, dass sie beim Abschied von Julius auch
Teil sind.
Wir entzünden viele Kerzen, die wir auf den Tisch stellen, auf dem das Körbchen steht, in dem der Körper von Julius eingebettet ist. Wir singen dann ein Lied, welches ich viel für Julius gesungen hatte.
Schlaf mein Kind,
ich wieg dich leise,
Bajuschki, baju,
Singe die Kosakenweise,
Bajuschki, baju.
Draußen rufen
fremde Reiter
durch die Nacht sich zu.
Schlaf, mein Kind, sie reiten weiter,
Bajuschki, baju.
Einmal wirst auch
du ein Reiter,
Bajuschki, baju.
Von mir ziehen immer weiter,
Fernen Ländern zu.
In der Fremde,
fern der Heimat
Denkst du immerzu
an die Mutter, die dich lieb hat,
Bajuschki baju.
Ich habe dieses Lied immer auch mit dem schmerzhaften
Beigeschmack gesungen, dass diese „fernen Länder“ keine irdischen sein könnten.
Ja, dieses Lied ist voll mit Traurigkeit und doch tröstlich. Denn es zeigt,
dass sich Mutter und Sohn (Eltern und Kind) immer lieb haben werden, dass sie
aneinander denken, egal, wie weit sie voneinander entfernt sind.
Wir haben dann die wundervolle Rede meines Mannes gelesen.
Ich hatte Gänsehaut – ich war und bin zutiefst gerührt, wenn ich seine Worte
höre und lese, die er über unseren Sohn geschrieben hat:
Vielen Dank dass ihr heute alle gekommen seid, um gemeinsam mit uns
Abschied von Julius zu nehmen.
Es ist schwer eine Trauerrede zu halten, über einen Menschen, der uns nur
sehr wenig über sein Potential zeigen konnte … wir müssen es unserer Fantasie
überlassen, wie sein Leben ausgesehen hätte … für mich ist er ein Pilot, oder
Astronaut, der zu den Sternen geflogen ist.
Wir haben unser Leben als junge Familie mit Julius voller Angst und Bange
begonnen. Wir haben in der Havelhöhe in tief erschütterte und überforderte
Gesichter geschaut, die uns haben ahnen lassen, welches Leid auf uns wartet.
Wir haben im DRK Westend nach wenigen Stunden über Fragen nach Leben und
Tod nachdenken müssen. Wir standen mehrfach bei den Ärzten, die alles versucht
haben, und trotzdem an einem Punkt waren, an dem sie uns nur sagen konnten:
“Wir haben alles getan, unsere Optionen sind ausgeschöpft, nun müssen wir
hoffen”. Julius war ein starker Kämpfer, der diese Krisen überwunden hat.
Er hat uns aber auch Momente geschenkt, in denen wir ihn 4 Tage nach
seiner Geburt zum ersten Mal auf dem Arm halten konnten, er auf unserer Brust
liegen könnte, und wir bei seiner Pflege geholfen haben. Wir haben das
überwältigende Gefühl genossen, unser eigenes Kind ganz nah bei uns zu spüren.
Wir konnten hunderte Bilder und Videos von ihm machen, wir haben jedes
noch so kleine Detail seines Körpers tief in unsere Erinnerung eingeschlossen.
Für die Kraft die Julius für uns aufgebracht hat, damit wir diese
gemeinsame Zeit mit ihm erleben konnten, sind wir ihm sehr Dankbar.
Wir haben in den letzten Tagen viel über Dankbarkeit nachgedacht, …
… denn trotz der anfänglichen Überwältigung, dem Leid, dem Schock und der
Trauer haben wir früh eine Dankbarkeit Julius gegenüber entwickelt.
Wir sind Julius Dankbar dafür, dass er Menschen zusammen gebracht hat.
- Johanna ’s Eltern sind noch in der Nacht nach der
Geburt im Krankenhaus gewesen, um sich um uns zu kümmern, und um in der Nacht
nach Julius zu schauen
- Wir sind auch dem ganzen Team im DRK Westend
ausgesprochen Dankbar, dafür, dass sie sich so wunderbar achtungsvoll um Julius
gekümmert haben, dass Sie alles getan haben, was man menschlich, medizinisch
und technisch für ein so junges Leben tun kann. Aber auch für die wirklich
beachtliche Einbeziehung der Eltern in die Behandlung.
- Auch der Havelhöhe sind wir dankbar, dass sie die
Geburt begleitet haben, und durch die Reanimation erst die 8 Tage mit Julius
möglich gemacht haben.
- Auch der weiteren Familie, die uns emotional bei Seite
stand, und die sich um alles wie Essen, Wäsche, Post, Standesamt, Bestattung im
Hintergrund gekümmert hat, sind wir ausgesprochen dankbar.
Julius hat aber auch seine Eltern (also uns) näher zusammen gebracht. Wir
haben das intensive miteinander Reden wieder entdeckt, und leben bewusster
miteinander. Wir haben gelernt, im hier und jetzt zu leben und Dankbar zu sein,
für alles was man gerade hat, und nicht was potentiell kommen mag — im Guten wie
im Schlechten.
Wie gesagt, es geht um Dankbarkeit 🙂 … Julius hat uns auf drastische
Art gezeigt, wie Wertvoll — und zugleich zerbrechlich — das Leben ist.
Welches große Wunder die Entstehung eines neuen Lebens ist, und welchen großen
Respekt wir davor haben müssen. Wir haben uns bei Julius schon über kleinste
Zuckungen in der Hand gefreut, über sein schönes Gesicht, oder seine Ohren.
Dennoch hat Julius viele Aspekte des Lebens im Verborgenen gelassen: Er hat nie
selbstständig geatmet, eine kontrollierte Bewegung gemacht, er hat uns nie
selbst seine Augen gezeigt, oder uns seine Stimme gezeigt. (Puzzle Leben)
Wir werden sicher die Geschwister von Julius mit allergrößter Bewunderung
empfangen, und uns über “Kleinigkeiten” freuen, die andere Eltern für gegeben
nehmen.
Ich muss ehrlich zugeben, dass ich schon ein bisschen Angst davor hatte,
ein Kind zu haben – vor allem wegen der Verantwortung. Durch Julius habe ich
jedoch sehr schnell gelernt, dass es eine schöne Verantwortung ist, wenn es
sich um das eigene Kind handelt.
Durch diese Verantwortung können wir — mal wieder — unseren eigenen Weg
gehen. Wir haben bewirkt, dass Julius ohne Urnenbestattung trotzdem unter einem
Baum in der Natur bestattet werden kann.
Wir haben ihm zusammen mit dem Team der Neo, den offiziellen Weg durch
die Pathologie des Krankenhauses erspart, und eine schnelle Bestattung
ermöglicht, sodass er nicht wochenlang in einem Kühlhaus liegt, bevor sein
Körper zur Ruhe kommt.
Julius hat uns gezeigt, wie stark die Liebe von Eltern zu ihrem Kind sein
kann. Während der
Schwangerschaft hätten wir es für unmöglich gehalten, die medizinische
Versorgung unseres Kindes auf unseren Willen hin zu beenden. Der Schutzinstinkt
dem eigenen Kind gegenüber ist unglaublich groß. Doch er kann auch bedeuten,
die Behandlung zu beenden, um das Kind in die Freiheit zu entlassen.
Die Kraft für diesen letzten Schritt hat Julius uns selbst gegeben: Durch
die körperliche Nähe die wir in den letzten Stunden mit ihm erfahren haben.
Julius Tod ist nun schon über eine Woche her, und wir merken, wie der
Nebel des Vergessens langsam anfängt, unsere Erinnerungen zu verändern. Was wir
in den 8 Tagen nach Julius Geburt erlebt haben, beginnt surreal zu werden, als
ob unsere Erinnerung aus einem traurigen Film stammt, und nicht unserem
eigenen, echten Leben.
Dieser Ort, der Friedhof hier, soll Teil unserer Erinnerung, eine Stütze
sein, dass alles real, hart und schrecklich, aber auch schön und verzaubernd
war.
Wir wünschen uns von euch, dass wir Julius gemeinsam gut in Erinnerung
halten, und uns gegenseitig an die Guten, aber auch an die schweren Momente
erinnern.
Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt,
der ist nicht tot, der ist nur fern;
tot ist nur, wer vergessen wird.
Immanuel Kant
Wir bedanken uns bei Julius für die wunderbare und intensive Zeit, die er
uns geschenkt hat. Wir hoffen, dass wir alle Entscheidungen richtig für ihn
getroffen haben. Wir hoffen, dass wir ihn nicht zu lange und zu fest im Leben
gehalten haben.
In ewiger Liebe, deine Eltern.
Es ist zu spüren, wie innig verbunden er mit Julius ist. Mich
macht es stolz und glücklich. Ich habe eine wirklich tolle Familie. Einen
wunderbaren Mann und ein zauberhaftes Kind. Ein Kind, welches ich für immer im
Herzen tragen werde.
Nach der Rede haben alle Zeit, ihre Wünsche für Julius
aufzuschreiben, bevor wir mit den angezündeten Kerzen zum Grab von Julius
laufen. Wir Eltern tragen den Korb von Julius – zum ersten und letzten Mal
tragen wir gemeinsam unseren Sohn.
Es schneit.
Robert hatte sich Schnee gewünscht und es war
unwahrscheinlich, dass Mitte Dezember schon Schnee fallen würde und kein
Wetterbericht hatte uns Hoffnung gemacht. Aber in den Momenten, in denen wir
zum Grab gelaufen sind und in denen wir um das Grab standen, hat es große,
weiße Flocken geschneit. Ein kleines Wunder.
Am Grab haben wir den Sarg abgelassen und dann mit roten Rosenblättern bestreut. Alle Anwesenden konnten die Rosenblätter auf das Körbchen fallen lassen und sind dann zum Teil zu uns gekommen, um uns ihr Beileid auszudrücken. Die Ärztin, die den Tod von Julius so eng begleitet hat, hatte Tränen in den Augen und hat mir zu geflüstert: „er wird bleiben“.
Ja, das wird er.
Ich bin so dankbar um diese drei kleinen Worte, die so viel bedeuten. Er wird bleiben. Er wird bleiben. Wird bleiben. Bleiben.
Wir hängen dann unsere guten Wünsche auf und die Ärzte und
Schwestern stellen die Windräder auf, die sie für Julius mitgebracht haben. Und
sie hängen einen Traumfänger auf, den sie für mitgebracht haben. Der hängt nun
mit dem Klangspiel und den guten Wünschen am Baum auf Julius` Grab. Ein sehr
schönes, buntes Grab – mitten im Wald.
Dann gehen wir gemeinsam einen Kaffee trinken im benachbarten
Café. Wir freuen uns, dass alle mitkommen und unterhalten uns noch einmal mit
den Schwestern und Ärzten des Krankenhauses. Wie dankbar wir sind, dass wir
diese einfühlsamen Menschen kennen gelernt haben.
Wir beschließen den Tag bei einem gemeinsamen Pizzaessen mit
den Familien.
Ein schöner Tag – trotz des traurigen Anlasses.