Julius wurde nach der Geburt nicht aufgewärmt, wie man es bei anderen Säuglingen macht. Er wird mit tieferer Körpertemperatur versorgt.
72 Stunden dauert diese „Behandlung“. Während dieser Zeit liegt unser Sohn auf einer Kühlmatte, die ihn auf idealerweise 33,5°C hält. Seine Temperatur darf höchstens zwischen 33 und 34°C schwanken. Dazu darf er nicht aus seinem Bettchen raus, es dürfen nicht zu viele Personen im Raum sein (damit die Raumluft ihn nicht zu sehr aufwärmt) und alle achten auch darauf, dass er nicht zu warm wird oder er nicht zu sehr auskühlt. Julius hat eine Temperatursonde im Po, die uns (und den Ärzten) anzeigt, wie „warm“ er aktuell ist.
Trotzdem versuchen wir, ihn so viel wie möglich zu berühren. Und das sollen wir auch. Wir werden ermutigt, ihn immer wieder achtsam zu berühren. Und wir sprechen mit ihm, singen für ihn, tun alles, was wir ihm Gutes tun können.
Nach dem MRT am Freitag haben wir einen ruhigen Samstag. Am Ende dieses Tages wird mein Mann Robert ermutigt, im Nebenzimmer von Julius zu schlafen. So kann die Türe offen bleiben, er ist immer in der Nähe und bekommt mit, was mit ihm gemacht wird.
Ich schlafe auf der Wochenbettstation – bin dort alle drei Stunden zum Abpumpen und versuche in der Nacht ein wenig zu schlafen.
In der Nacht im Samstag auf Sonntag schlafe ich um 11:30 Uhr nach dem Abpumpen ein und wache nach knapp zwei Stunden wieder auf. Ich pumpe dann wieder ab und mache mich gegen zwei Uhr auf den Weg zu Julius und Robert. Ich klingele vorne an der Station, werde eingelassen und gehe den Flur entlang. In Julius` Zimmer ist Flutlicht. Ich wusste direkt: da stimmt was nicht!
Viele Ärzte stehen um sein Bettchen, die Schwestern sind auch da und Robert steht unbeholfen hinten im Zimmer. Ich gehe auf Julius zu, werde an sein Bettchen gelassen und streichle ihn. Robert berichtet, dass es ihm gerade schlecht geht. Er hatte einen Blutdruckabfall. Man merkt die Anspannung. Gerade ist er wieder stabil. Zum Glück – aber der Schock sitzt tief. Erst mal will ich ihn nicht alleine lassen. Ich sitze also weiter an seinem Bett und spreche mit ihm und singe ihm Lieder vor und der frisch gebackene Papa schläft im Nebenraum. Auch er hat viel zu wenig Schlaf bekommen in den letzten Tagen und braucht den Schlaf, um tagsüber fit zu sein – für Julius da zu sein.
Ich bin am Sonntag Morgen wirklich müde und angestrengt. Ich rufe Mama an, dass sie kommen soll, vor allem, damit ich einmal jemanden habe, der auch mich mal auffangen kann. Ich bin sehr froh, dass sie 45 Minuten nach meinem Anruf bereits um 6:45 Uhr auf der Neonatologie ist und mich mal in den Arm nimmt. Wir sitzen bei meinem Sohn, ihrem Enkelsohn und ich kann mich ein bisschen entspannen. Meine Mama bleibt den ganzen Tag bei uns und auch die Nacht wird sie im Krankenhaus (auf der Wochenbettstation) verbringen.
Am Sonntag haben wir immer wieder Besuch. Seit gestern sind auch meine Schwester und die Patentante von Julius mit ihrem Freund in Berlin. Sie besuchen uns und Julius und Robert und der Freund meiner Schwester machen einen Spaziergang. Die beiden sind jahrelange Freunde und für Robert ist der Austausch mit ihm sehr wichtig.
Auch Roberts Eltern kommen gegen Nachmittag noch einmal zu Besuch.
Ich kann nun auf der Neonatologie pumpen. Das erleichtert die Logistik und dich kann meinen Sohn anschauen, während ich für ihn die Milch abpumpe. Das tut sehr gut. Und ich muss ihn nicht alleine lassen. An diesem Sonntag merke ich auch, dass es wirklich zunehmend mehr Milch wird. Der altbekannte Milcheinschuss! Ich freue mich, dass ich wohl ausreichend Milch habe – ich werde in den kommenden Tagen merken, dass es mehr als genügend Milch ist. Aber mein Trost ist, dass er die Milch über die Magensonde bekommt und dass er auch Mundpflege mit Muttermilch bekommt und teilweise machen die Schwestern auch die Einläufe mit Muttermilch. So wird die Milch sinnvoll verwendet.
Ich versuche über den Tag einen Mittagschlaf zu machen. Gemeinsam mit meinem Mann verbringen wir knapp zwei Stunden auf der Wochenbettstation und ruhen aus. Wir wollen gerne fit sein, um Julius in dieser kritischen Nacht der Aufwärmung beizustehen.
Abends um 20:00 Uhr beginnen die Schwestern die Temperatur von Julius wieder anzuheben. Ganz langsam (0,5°C alle zwei Stunden) wird er aufgewärmt.
Dafür dürfen wir ihn einmal großflächig berühren und warm machen. Ich sitze erst einmal ganz eng bei ihm, habe eine Hand an seinem Kopf, eine auf seinen Beinchen. Es dauert eine Weile, bis die Temperatur „reagiert“, doch dann geht die Temperatur hoch. Sie steigt dann fast zu schnell, so dass die Kühlmatte wieder kälter gestellt wird. Ich ziehe also meine Wärmezufuhr wieder etwas zurück, weil ich denke, dass die Regulation einfacher wird, wenn er einfach durch die Matte erwärmt wird.
Die Aufwärmung gelingt ohne große Krisen.
Mein Mann und ich sind dann im Nebenzimmer und unterhalten uns über Julius und seinen Zustand. Er liegt da und wir haben Mitleid mit ihm. Will er leben? Sein Zustand wird nicht besser – es muss sehr anstrengend sein für ihn.
Die Frage, ob sein Leben lebenswert ist, beschäftigt uns sehr. Wie sieht seine Zukunft aus?
Heute sagte ein Arzt zu uns, dass er uns mit aller Klarheit sagen muss, dass das EEG nicht gut aussieht. Das macht uns Angst. Wird Julius das lebendige Kind sein, welches wir uns gewünscht haben? Wird er jemals mit uns in Kontakt treten? Wird er reagieren auf uns? Wird er beginnen zu atmen?
Was will Julius auf dieser Erde? Will er leben? Will er ankommen und bei uns sein? Wenn wir wüssten, was er braucht, was sein Plan ist – wir könnten viel besser agieren.
Sicher ist, dass wir ihn nicht zum Leben zwingen wollen. Wenn er leben will, ist das unsere größte Freude – wir tun dann alles, um ihm ein tolles Leben zu ermöglichen. Doch was, wenn er eben nicht leben will. Wollen wir ihn dann „zwingen“, am Leben zu bleiben?
Das wäre dann eine egoistische Handlung von uns. Er würde dann leben, weil wir ihn am Leben halten können (durch die Maschinen) und weil wir es können, würden wir das auch machen.
Wir fühlen in uns hinein und wissen: nein, wir wollen ihn nicht am Leben halten aus reinem Egoismus. Wir lieben unseren Sohn viel zu sehr, als dass wir wollen, dass er wegen uns leidet. Wir wollen ihn glücklich sehen, wollen, dass er seinen Weg gehen kann.
Dieses Gespräch mitten in der Nacht ist sehr intensiv und wir sind kurz davor, seine Behandlung zu beenden. Doch noch wissen wir nicht, wie er auf die Aufwärmung reagiert. Das wollen wir abwarten. Und die Entscheidung für oder gegen ein Leben mit Julius bleibt erst einmal offen.
