Wir haben viel Mut gefunden durch das Besuchen von Selbsthilfegruppen. Wir besuchen monatlich zwei verschiedene Gruppen. Dort finden sich Eltern ein, die ihre Kinder verloren haben. Unterschiedliche Erfahrungen werden dort ausgetauscht.
Es kommen Eltern, deren Kinder ganz früh gegangen sind, in den ersten Wochen der Schwangerschaft. Zum Teil haben sich die Eltern sehr intensiv auf die Kinder vorbereitet, lange auf sie gewartet und dann sind sie viel zu schnell wieder gegangen. Mit den Kindern sterben auch die Zukunftsideen, die Pläne, manchmal auch die Vision einer Familie.
Einige dieser Eltern erleben sogar mehrfach diese frühen Fehlgeburten, was jedes Mal ein intensiver Schmerz ist. Jeder einzelne Verlust wiegt schwer. In den Herzen der Betroffenen.
Es kommen Eltern, die ihre Kinder zu früh geboren haben. Die Kinder sind dann noch nicht lebensfähig und sterben meist in den Armen der Eltern oder kommen bereits leblos zur Welt. Die Begegnung mit diesen Eltern ist sehr berührend. Man kann sich kaum vorstellen, wie perfekt diese kleinen Kinder schon sind – zart und zerbrechlich, klein, aber eben schon „fertig“ – sie hätten nur noch wachsen müssen. Doch irgendwie fehlte da die Zeit.
Es kommen Eltern, deren Kinder zu früh geboren werden und die mit den Kindern um deren Leben kämpfen, auf der Intensivstation. Die Kinder hängen an Maschinen und sind abhängig von Medikamenten. Unnahbar und doch so innig geliebt. Die Eltern sind den Kindern nahe, sorgen für sie, sind an ihren Betten und geben alle ihre Kräfte für ihre geliebten Kinder her. Nicht alle Kinder schaffen diesen harten Kampf ins Leben. Einige sterben – deren Eltern finden sich dann zum Teil in Selbsthilfegruppen wieder. Sie berichten liebevoll von ihren Töchtern und Söhnen – sie sind ihnen ganz nah gekommen durch die Begegnung außerhalb des Mutterleibs.
Es kommen Eltern, deren Kinder sterbenskrank sind. Bei ihnen wird noch im Mutterleib festgestellt, dass sie nicht überlebensfähig sind oder dass ihre Schädigungen so stark sein werden, dass ein würdiges Leben kaum möglich ist. Diese Eltern stehen vor sehr intensiven Gefühlen. Sie haben sich auf ein Kind eingestellt, haben sich gefreut, haben alles vorbereitet und eingerichtet und stellen nun fest, dass alle ihre Vorstellungen zerplatzen. Sie sind vor die Wahl gestellt: soll ihr Kind (teilweise qualvoll) leben oder darf das Kind in Frieden gehen? Wie trifft man eine solche Entscheidung?
Und allen, die jetzt sagen: „man darf keine Kinder abtreiben“, sage ich: Ihr habt nichts verstanden. Gar nichts. Ihr wisst nichts über das Leben und über den Tod. Ihr urteilt über Dinge, mit denen ihr noch keinen wirklichen Kontakt hattet.
Ja, das Leben ist wertvoll. Und ich schütze das Leben aller. Wo ich nur kann, beschütze und hüte ich das Leben. Aber auch ich musste erleben: Für das eine oder andere Individuum auf dieser Erde ist vielleicht das Sterben eine Erleichterung, der Tod der richtige Weg. Natürlich wollen das die Eltern nicht für ihre Kinder!
Auch Eltern, die ihre Kinder abtreiben – egal in welchem Entwicklungsstadium – leiden und trauern. Sie lieben ihre Kinder und wollen das Beste für sie. So, wie alle Eltern das Beste für ihre Kinder wollen.
Ich möchte dazu anregen sich immer wieder zu fragen: darf ich hier urteilen? Und ich habe erlebt: das Handeln anderer kann man nicht beurteilen. Man kann sich immer nur fragen: wie hätte ich gehandelt? Und es ist sicher, dass nicht alle gleich handeln. Trotzdem ist das andere Handeln nicht falsch. Bitte überdenkt dies immer mal wieder.
Der Abschied von einem schwerstkranken Baby, welches man bisher nur durch die Bauchdecke kennen lernen durfte – auch er fällt schwer. Die Eltern lieben ihr Kind inniglich. Sie haben eine Verbindung zu ihm. Trauert mit diesen Menschen. Nehmt auch sie in eure Mitte.
Es kommen Eltern, die ihre Kinder gebären und die dann kurz nach der Geburt versterben. Entweder, weil sie sterbenskrank sind oder sie sterben am Plötzlichem Kindstod. Diese Eltern lernen ihre Kinder kennen. Sie erleben sie einige Stunden, Tage oder Wochen (teilweise sogar Monate). Sie erleben Routinen mit ihnen und manchmal sogar so etwas wie Alltag. Diese Eltern haben zum einen das Glück, ihren Kindern wirklich zu begegnen, andererseits ist auch das Ende oft sehr plötzlich. Das Leid und der Schmerz sind unbeschreiblich – in allen Fällen, für alle Eltern. Alle Betroffenen leiden unter den gleichen starken Gefühlen: Trauer, Wut, Angst, Ärger. Gefühle, die wir kaum kennen und die doch so fest in unser Leben gehören.
Alle diese Eltern, die ihre geliebten Kinder verlieren, leiden. Sie verlieren mit dem Tod einen Teil ihrer Zukunft. Sie verlieren einen Teil ihres Mutes, sie verlieren. Doch viele gewinnen auch etwas. Sie gewinnen Einblicke in andere Welten, haben Verbindungen mit ihren verstorbenen Kindern und fühlen sich ihnen auf die eine oder andere Art und Weise nah.
Das Treffen mit diesen anderen verwaisten Eltern, auch Sterneneltern genannt, war und ist für uns eine hilfreiche Verarbeitungsmöglichkeit.
Der Kontakt mit Sterneneltern tut wahnsinnig gut. Vor allem an schlechten Tagen, an denen man denkt: alles ist schlecht. Oft hilft es dann sehr, dass andere sagen: Das kenne ich – mir geht es auch so. Dann fasst man neuen Mut. Dann kann man wieder in die Welt blicken und am nächsten Tag ist vielleicht alles ein bisschen besser und einfacher.
An alle Betroffenen kann ich nur die Empfehlung weitergeben: sucht euch Menschen, die euch verstehen. Das können professionelle Helfer sein wie Ärzte und Therapeuten, aber auch gute Freunde, Familie oder auch der Nachbar. Sucht die Menschen, die euch zuhören und sprecht so oft ihr könnt und wollt von euren geliebten Kindern. Sie gehören zu euch und damit gehören sie in diese Welt.
Und allen Menschen in der Umgebung der Betroffenen möchte ich gerne raten: lasst euch ein auf die komplexen Gefühle. Lasst euch mitnehmen. Die Betroffenen brauchen kein Mitleid. Sie brauchen keinen Trost (denn kein Trost dieser Welt kann das eigene Kind ersetzen). Seid einfach da, mit offenen Ohren und offenen Herzen. Mehr braucht es nicht.
Wenn ihr könnt, dann nehmt sie in die Arme, lenkt sie ab, wenn sie das wollen. Nehmt sie in eure Mitte und bringt sie dem öffentlichen Leben näher. Aber nehmt dabei immer die verstorbenen Kinder mit. In Gedanken, in Worten – so wie es gerade passt.
