44 Geburtstagsfeier

Wie feiert man einen Geburtstag eines verstorbenen Kindes? Kann man das pauschal sagen? Ist das nicht viel zu individuell? Abhängig von Kind, Eltern, Familie und den Umständen? Also muss es nicht eher heißen:

Wie wollen wir den Geburtstag von Julius feiern?

Was macht Julius aus? Was verbinden wir mit ihm? Was soll zu seinem Geburtstag stattfinden?

Zum einen verbinden wir mit Julius Vögel. Vögel waren auf seiner Geburts- und Traueranzeige gemalt. Vögel, die Julius in den Himmel begleiten. Es sind kleine Vögel, die mich an ihn erinnern. Auf seinem Grab hat Julius ein Vogelhäuschen. Und wir füttern die Vögel, wenn wir am Grab sind und Julius besuchen.

Steine. Steine aus allen Regionen der Welt. Wir legen sie ans Grab und sammeln für Julius Steine, die wir oder unsere Familie und Freunde für Julius finden. Da gibt es Steine aus der Schweiz. Da gibt es Steine aus unserem Urlaub in der USA. Da gibt es Steine von Freunden, die an der Nordsee ihren Sohn beigesetzt haben. Da gibt es Steine aus einem Familienurlaub an der Ostsee. Es finden sich Steine aus Italien und sogar Taiwan. Diese Steine sollen das Grab zieren und Julius zu einem Weltenbürger machen.

Die Schwestern aus dem Krankenhaus haben Windräder für Julius gebracht. Damals zur Beerdigung. Diese Windräder bewegen sich im Wind. Sind bunt und lebendig. Auch das Klangspiel und der Kranz mit den Karten für Julius sind bewegte Elemente, die das Grab zieren und lebendig machen durch Klänge, durch Bewegung, durch ihr buntes Aussehen.

Zum Geburtstag hat Julius` Grab neue Windräder bekommen. Bunte. Eines in Form eines Vogels von der Patentante. Wir haben Vogelfutter aufgehängt. Meisenknödel und Futter für das Futterhaus. Und von der Oma ein Kranz aus Beeren, die sich die Vögel picken können.

Wir haben Blumen mitgebracht: von der Tante gabs eine weiße Lilie und von uns Beeren und Rosen. Von einem anderen Sternenjunge und seinen Eltern bekam Julius einen Stein. Wir haben Luftballons aufgehängt und haben einen Leuchtturm aufgestellt. Dort findet sich Platz für eine Kerze. Diese kann nun auf dem Grab leuchten. Für Julius.

So sieht das Grab nun aus.

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Wir haben gemeinsam da gestanden. Und das Grab geschmückt. Haben an Julius gedacht und ihn gefeiert. Im Anschluss daran waren wir Abendessen. Gemeinsam.

Der Tag war erfüllend, schwer und doch schön. Wie eben ein Tag schön sein kann, bei dem Trauer und Freude so nah beieinander sind.

43 Zum 29.11.2019

Zum Geburtstag

Lieber Julius,

heute ist dein Geburtstag. Ein Jahr ist seit deiner Geburt vergangen. Ein anstrengendes, bewegendes Jahr. Ein Jahr voller Leid, ein Jahr mit viel Vermissen und ein Jahr mit reichen Erlebnissen. Du fehlst uns so sehr auf dieser Welt!

Wir denken viel an dich, haben Bilder von dir um uns herum. Tragen dich in unseren Herzen. Ganz tief drinnen – da bist du und wirst du immer sein. Bei uns. Mit uns.

Dennoch ist das Vermissen groß. Wie gerne würden wir mit dir kuscheln, mit dir spazieren gehen, dich trösten, füttern und beruhigen.

Doch dein Weg war ein anderer. Du bist schon vorgegangen. Viel zu schnell mussten wir dich loslassen.

Was hat dieses Jahr besonders gemacht?

Wir sind Eltern geworden. Deine Eltern. Und Sterneneltern. Besondere Eltern, die zwar Eltern sind, ihre Rolle jedoch im Alltag nicht leben können – weil das Kind fehlt. Wir fühlen uns als Eltern, können es jedoch anderen nicht zeigen. Gehören gesellschaftlich nicht dazu. Und sind es doch. Wir sind Eltern. Deine Eltern.

Wir haben uns. Wir haben eine intensivere Bindung. Wir sind füreinander da. Lassen uns in unseren unterschiedlichen Trauerreaktionen. Jeder ist anders, trauert anders und soll auch anders sein dürfen. Das hilft. Aber wir sind füreinander da. Trösten uns. Halten uns. Gehen gemeinsame Wege.

Wir haben die Familie. Menschen, die für uns da sind, wenn wir sie brauchen. Eltern, mit denen wir sprechen können, die dich, Julius als ihren Enkel in ihr Leben aufgenommen haben. Geschwister, die dich – Julius – ganz natürlich in ihr Leben integrieren und ihren Töchtern ihren Cousin im Himmel nicht verschweigen. Sie alle sind für uns da. Hören zu, sind achtsam und haben mit uns den ersten Geburtstag gefeiert.

Wir haben Freunde. Freude aus alten Freundschaften, die trotz unseres Leids und unserer schwer erträglichen Stimmung für uns da waren und sind. Und Freunde, die durch diese schwere Erfahrung entstanden sind. Freunde, die ähnliches erlebt haben. Die wissen, wie wir uns fühlen. Die an uns denken und uns begleiten. Auf unserem schmerzlichen Weg ohne unser Kind.

Wir haben die Freude auf dein Geschwisterchen. Ja, dein Geschwisterchen ist schon bald da. Es hat sich schnell auf den Weg gemacht. War gewünscht, ersehnt und ist uns ein großes Glück. Schon früh war es uns eine Hilfe, nach vorne zu sehen. Und mutig in die Zukunft zu gehen. Dein Geschwisterchen ist eng mit uns und dir verbunden. Wir haben eine innige Verbindung aufgebaut und freuen uns, wenn es geboren ist. Und wir es endlich gesund und munter in unseren Armen halten können.

Wir gehen neue Wege. Eigene Wege. Neue Aufgaben werden ergriffen, andere treten zurück. Wir engagieren uns in einer Selbsthilfegruppe. Stehen anderen Eltern zur Seite. Organisieren Gedenkfeste. Helfen anderen, die Strukturen zu finden, durch die auch deren schwere Erlebnisse langsam heilen können.

Wir haben uns verändert. Julius, du hat uns verändert. Hast uns zu Eltern gemacht. Hast uns zu anderen Menschen gemacht. Wir sind stolz auf dich, Julius.

In ewiger Liebe verbunden, deine Mama.

42 Müdigkeit – unendliche Müdigkeit

Woher kommt diese Müdigkeit?

Ich fühle mich an vielen Tagen so unendlich müde. So erschöpft. So kraftlos. Und ich kann oft nicht sagen, woher diese Müdigkeit kommt.

Ja, die Schwangerschaft braucht ihre Kraft – das kleine Wunder will wachsen und gedeihen und muss versorgt werden. Natürlich macht das müde. Und auch das Trauern macht müde. Das Denken an Julius, das sich immer wieder ins-Verhältnis-setzen. Julius fehlt – das Leben geht weiter. Wir haben eine Alltag, wir haben ein Leben, wir haben Familie und Freunde, wir haben eine Zukunft – aber Julius fehlt. Nachdenken. Schreiben. Tagebuch schreiben. Gedanken sortieren.

Auch das kostet Kraft. Dann ist man schnell müde. Irgendwann kann man keinen klaren Gedanken mehr fassen, sich nicht mehr konzentrieren auf die Aufgaben des Lebens. (Ich verstehe nicht, wie andere Betroffene es schaffen, einer Arbeit nachzugehen – das bewundere ich sehr. Mir fehlt dazu die Kraft.)

Aber nicht nur geistig ist irgendwann eine Grenze erreicht. Oft ist auch körperlich irgendwann Ende. Dann will man nur noch ruhen und schlafen. Die Welt nicht mehr beachten. Für sich sein. Sich Rausziehen aus dem Geschehen.

Wenn ich volle Tage habe und vor allem wenn ich mehrere volle Tage hintereinander habe, dann brauche ich immer wieder einen Tag, an dem ich so gut wie nichts mache. Dann liege ich viel im Bett oder auf dem Sofa, lese oder schaue irgendwelche Filme an. Dann sitze ich da und nähe oder mache etwas Kleines mit meinen Händen. Mehr geht nicht. Dann bleibt der Haushalt liegen. Dann komme ich nur sehr schwer vor die Tür.

Und doch muss es weitergehen. Irgendwie. Das Leben dreht sich weiter und es hat keine Zeit zu waren. Zu warten, bis ich bereit bin, teilzunehmen. Wenn ich Teil dieser Welt sein will, kann ich mir diese Pausentage nur dann nehmen, wenn ich keine Kontakte zu dieser Welt eingeplant habe. Also versuche ich, innerhalb der Woche einige Tage oder Nachmittage frei zu halten. Um zu Kräften zu kommen. Um auszuruhen und um mich immer wieder selbst zu finden und in meine eigene Mitte zu bringen.

41 Schwangerschaft mit „Folgekind“

Ich bin schwanger. Nicht zum ersten Mal. Schon einmal war ich schwanger. Neun Monate lang. Unser Sohn wurde geboren und starb nach acht Tagen.

Er ist nicht mehr bei uns. Man sieht nicht, dass wir Eltern sind. Man sieht „nur“, dass wir Eltern werden. Werden wir ja auch. Zum zweiten Mal.

Wir haben vor einiger Zeit ein Lastenfahrrad besichtigt. Da wurden wir gefragt: „wie alt ist ihr Kind denn jetzt?“. Naja. Welches? Das verstorbene? Neun Monate. Nur: was hilft das? Er wird nicht im Lastenfahrrad sitzen. Er muss nicht transportiert werden. Also erwähne ich ihn nicht, sondern deute auf meinen dicken Bauch und sage: „es wurde noch nicht geboren“.

Und Julius? Habe ich ihn vergessen? Nein! Ich werde ihn niemals vergessen. Werde immer an ihn denken, ihn mitdenken, wenn es um unsere Familie geht. Auch, wenn ich ihn nicht benenne.

In der Begegnung mit entfernten Bekannten oder Nachbarn erlebe ich oft große Erleichterung, wenn sie erfahren, dass wir wieder ein Kindlein erwarten. Sie freuen sich mit uns und für uns. Und das tun sie ehrlich. Und doch bleibt dieser Beigeschmack, dass sie denken könnten: „Na dann ist ja alles wieder gut“. Gesagt hat es noch niemand. Aber oft begleitet mich dieses Gefühl, dass sie es hoffen. Und da kann ich sie nur enttäuschen. Denn der Tod unseres Sohnes wird nicht besser dadurch, dass wir ein weiteres Kind erwarten!

Ja, wir freuen uns auch sehr auf das neue Wesen. Wir erleben es sehr bewusst. Die Schwangerschaft ist voll von Liebe zu diesem kleinen Kindlein in meinem Bauch. Es ist sehr beweglich. Als wolle es zeigen, dass es da ist. Anders, als Julius es gezeigt hat. Die Beziehung zu diesem Kind ist sehr eng. Wir wissen das Geschlecht, haben bereits einen Namen und sprechen mit dem kleinen Wunder. Sprechen es an mit seinem Namen oder mit seinen Spitznamen. Es tut gut, einen Namen zu haben. Einen eigenen. Nur für dieses Kind. Noch ist der Name ein Geheimnis, wie auch das Geschlecht noch ein Geheimnis ist.

Noch vor dem Beginn der Schwangerschaft habe ich mir vorgenommen, dass ich die Zeit, die ich mit diesem Wesen haben werde, genießen will. Seien es Tage der Hoffnung und Beziehung, Wochen oder sogar Jahre und Jahrzehnte. Denn wir haben leidvoll erlebt, am Ende bleibt, was man gemeinsam erlebt hat. Wenn diese gemeinsame Zeit die Schwangerschaft war, dann wird die Erinnerung daran bleiben. Und war diese Schwangerschaft dann nur von Sorgen geprägt, dann bleibt dies in Erinnerung. War sie jedoch von Liebe, Zuwendung, Beziehung und Freude geprägt, bleibt dies auch so.

Natürlich ist es unser inniger Wunsch, dass unser Folgekind gesund zur Welt kommen kann. Gesund bei uns aufwachsen kann und auch gesund groß wird. Das sind unsere innigsten Wünsche und Hoffnungen. Und doch: wir lernen den Moment zu genießen.

Und das Geschwisterchen? Es wird aufwachsen mit dem Wissen, einen großen Bruder zu haben, der verstorben ist. Es wird seine Bilder irgendwann erkennen, es wird sein Grab kennen und es wird unsere Erzählungen hören von dem großen Bruder. Wir werden eine Familie sein. Eine besondere Familie.

40 Und auch, wenn wir „normal“ erscheinen, wir sind doch immer noch in Trauer.

Wie lange darf man trauern? Wie lange darf man seinen Verlust zeigen?

In den Selbsthilfegruppen hören wir immer wieder von neuen Erfahrungen. Immer geht es um Liebe, immer geht es um Verluste und immer geht es um die daraus entstehende tiefe Trauer. Und doch ist jede Erfahrung einzigartig. So eng verbunden mit den jeweiligen Betroffenen. Den Mamas und Papas und Kindern. Und auch mit den dazugehörigen Angehörigen.

Immer wieder taucht das Thema auf: wie kann ich meinen Angehörigen klar machen, dass sie nicht urteilen sollen über unsere Erlebnisse? Warum habe ich das Gefühl, dass ich meine Angehörigen trösten muss, obwohl ich das Gefühl habe, dass doch in der/die Betroffene bin?

Was brauchen wir Trauernden von unseren Angehörigen?

  1. Wenn ihr uns was Gutes tun wollt, lest euch in das Thema ein. Was ist Trauer? Was bedeutet es, das eigene Kind zu verlieren? Was brauchen Trauernde? Und so weiter…
  2. Seid für uns da, indem ihr hört, was wir brauchen. Wir brauchen Zuhörer und wir brauchen auch Helfer. Zuhörer sollten einfach nur da sein, zuhören. Wir brauchen keine Meinungen, schon gar keine Urteile. Helfer sollten da helfen, wo wir Hilfe brauchen. Essen kochen, Küche putzen oder Wäsche waschen, Erledigungen machen, zu Ärzten begleiten oder Geschwister mitversorgen…
  3. So schwer das für alle ist: niemand kann jemals verstehen, was wir erlebt haben! Wir fühlen uns am besten verstanden von Menschen, die Ähnliches erlebt haben. Von Eltern verstorbener Kinder oder von Menschen, die tiefe Trauer erleben. Von „außen“ kann man den schweren Schmerz nicht nachvollziehen.
  4. Trauer kommt in Wellen, Trauer kennt keine Zeit und keinen Zeitplan. Es gibt gute Tage und weniger gute Tage. Tage, an denen wir scheinbar alles schaffen und Tage, da wollen wir niemanden sehen und hören. Beides ist ok. Alles ist ok. Wir haben das Recht, uns auch mal zurückzuziehen. Wir haben das Recht, dass es uns schlecht geht. „Wer Scheiße erlebt, darf sich auch Scheiße verhalten“.
  5. Wir wollen euch nichts Böses, wenn wir uns abgrenzen. Wenn wir verwaisten Eltern uns distanzieren von Menschen, dann geschieht das nicht, weil wir euch schaden wollen. Wir müssen uns schützen. Wir haben keine andere Wahl uns zu schützen, als das Distanzieren. Wir wurden vielleicht verletzt von einer Aussage, die euch gar nicht mehr im Bewusstsein ist, uns aber zutiefst bewegt hat. Dann hilft uns nur, dass wir uns abgrenzen.
  6. Es gibt kein richtiges Verhalten für Trauernde. Weder das intensive Trauern, noch das frühe Verdrängen sind richtig oder falsch! Jeder Trauernde geht anders mit seiner Trauer um. Jeder Trauernde braucht etwas anderes. Es gibt keine Nachweise, dass die eine oder die andere Strategie zu einem „besseren“ Ergebnis kommt. Trauernde sollten sich so verhalten, wie sie es brauchen. Brauchen sie Ablenkung, dann ist sie gut. Brauchen sie Therapie, ist sie gut. Brauchen sie Distanz zu anderen Menschen ist sie gut. Brauchen sie Nähe zu Menschen ist sie gut.
  7. Stellt euch auf uns ein. Wir brauchen, dass ihr euch auf uns einstellt. Wir werden uns nicht auf euch bzw. die Anforderungen der Gesellschaft einstellen. Wir werden uns neu finden und dann wieder eintauchen in die Gesellschaft. Das geschieht dann von ganz allein. Dafür brauchen wir keinen Druck. Dafür brauchen wir nur Zeit.

Wenn Paare zu Eltern werden, dann dreht sich die Welt um die entstandene kleine Familie. Die Mutter braucht körperliche Ruhe und Pflege, die Eltern müssen sich in die neue Elternrolle einfinden, das Kind muss erst mal ankommen in dieser Welt, alle müssen sich kennen lernen. So viel hat sich verändert, verschoben.

Diesen jungen Familien lässt man Zeit. Ruhe. Wochenbett nennt man das dann.

Wenn Eltern nicht mehr Eltern sein dürfen, dann verlieren sie jeglichen Halt. Die Zukunft steht in Frage. Für die Mütter ist oft der berufliche Wiedereinstieg ein großes Thema (man hat ja statt der geplanten Elternzeit nun nur noch eine kurze Schutzfrist). Für die Väter gibt es gar keine geregelte Auszeit! Das Kind, auf welches man sich Monate lang vorbereitet hat (und auf welches man vielleicht schon Jahre lang hingearbeitet hat) ist verstorben! Es fehlt. Kommt niemals wieder. Auch verwaiste Eltern müssen sich neu kennen lernen. Sich neu einfinden, weil sich alles verschoben hat. Und dazu kommt das Erleben tiefer Trauer. Denn wir haben unsere geliebten Kinder verloren. Wir haben auch das Recht, uns neu zu finden!

„Normale“ Eltern brauchen ein Leben lang, um sich immer wieder an die Elternrolle zu gewöhnen. Sie wachsen mit den Kindern mit. Mit jeder Entwicklungsphase lernen sie sich und ihre Kinder neu kennen. Sie haben dafür ein Leben lang Zeit.

Wir verwaisten Eltern brauchen auch Zeit, um uns neu einzufinden. Vielleicht brauchen auch wir ein Leben lang Zeit, um zu lernen, Eltern ohne (dieses) Kind zu sein. Warum wird uns dieses Recht abgesprochen?

Essen und trinken, Haushalt machen, Leben organisieren. Warum reicht das nicht?

Und irgendwann wirkt alles normal…

Der Vater geht wieder arbeiten. Schon seit langer Zeit. Er erledigt seine Aufgaben wie selbstverständlich. Man merkt ihm nicht mehr viel an von dem, was er erlebt hat. Auch die Mutter kehrt langsam wieder in den beruflichen Alltag zurück oder sie nimmt wieder zunehmend am Alltag teil. Die Aufgaben werden erledigt.

Nach außen wirkt es, als wäre wieder alles „normal“.

Es ist schwer zu beschreiben, aber dieses „normal“ gibt es nicht mehr! Immer werden wir die Eltern verstorbener Kinder sein. Ein Leben lang. Immer werden unsere Kinder fehlen! Das „normale“ wäre gewesen, wenn unsere Kinder bei uns aufwachsen würden. Wenn dies nicht mehr geht, wird das Leben nie mehr „normal“ sein. Es wird unser Leben sein. Wir werden uns gewöhnen, lernen uns zurecht zu finden. Wir werden dieses Leben leben. Mit unseren verstorbenen Kindern in unseren Herzen und in unseren Gedanken. Wir werden sie mitnehmen in unser Leben.

Dennoch brauchen wir von euch Angehörigen, dass ihr das versteht: was wir erleben, geht tief und bleibt uns immer präsent. Auch wenn Tage, Wochen, Monate und sogar Jahre vergehen… Für uns wird es immer aktuell sein.

Ich kann mir gut vorstellen, dass wir uns auch dann: Monate und Jahre später freuen, wenn man uns anspricht auf unsere geliebten verstorbenen Kinder. Auf die Kinder, die wir immer mit uns tragen. In unseren Herzen. Die man sonst aber nicht sieht…

39 Ertragen – Tragen

Nachdem Julius geboren ist mussten wir ertragen. Ertragen, dass er nicht atmet, ertragen, dass die Ärzte ihm nicht schnell genug helfen können, ertragen, dass Julius verlegt werden muss, ertragen, dass wir ihn nicht halten dürfen, ertragen, dass er an Maschinen hängt, ertragen, dass wir keinen Einfluss haben auf seinen Zustand, ertragen, dass wir nichts tun können, als da sein und ihn lieben.

Nach seinem Tod mussten wir weiter ertragen. Die Situation ertragen. Die Stille ohne unser Kind ertragen. Unsere leeren Arme ertragen. Ertragen, dass die Welt sich weiterdreht. Ertragen, dass der Alltag uns fordert. Ertragen, dass nicht alle Verständnis haben.

Wir haben ertragen, dass wir nicht als „Eltern“ gesehen werden und doch sind wir Eltern geworden. Wir haben ertragen, dass wir nicht immer von Julius sprechen können – zu schockierend ist die Nachricht über seinen Tod für manches Gegenüber. Wir haben ertragen, dass nicht alle wissen, wie man mit uns umgehen kann. Wir haben ertragen, dass man statt uns zu fragen, was wir brauchen – uns ausgewichen ist. Wir haben ertragen.

Was jedoch bedeutet dieses Ertragen?

Es ist eine passive Haltung. Schon fast eine Opferhaltung. Wir haben uns unserem Schicksal hingegeben und es nicht selbst in die Hand genommen. Wir haben es nicht gesteuert und den Menschen, die uns nicht als Eltern erkannt haben gezeigt, dass auch wir Eltern sind. Wir haben Julius nicht zum Thema gemacht, auch wenn wir das gebraucht hätten. Wir haben den Menschen nicht einfach gesagt, was wir brauchen. Wir haben uns nicht gewehrt.

Doch langsam sind wir Herr der Lage. Immer mehr beginnen wir, die Situationen zu steuern. Wir können zunehmend von Julius sprechen, auch wenn wir nicht nach ihm gefragt werden. Wenn wir gefragt werden, wie es uns geht, antworten wir ehrlich: uns geht es eben so, wie es einem gehen kann, wenn das eigene Kind verstorben ist. Das bestimmt im Moment noch, wie es uns geht. Er fehlt uns. Ansonsten geht es uns gut.

Wir können zunehmend damit umgehen, wenn wir Menschen überfordern, den wir sagen, dass unser Sohn verstorben ist. Es ist nicht leicht. Nur wenigen Menschen fällt es leicht über Tote zu sprechen (oder von ihnen zu hören). Doch sie gehören doch auch in unser Leben. Die Toten. Sie sind doch Teil von uns oder zumindest Teil von unserer Geschichte. Sie wirken sich doch aus auf uns. Also darf man sie nicht einfach vergessen.

Nun tragen wir die Situation. Wir tragen Julius in unserem Herzen. Wir tragen ihn und seine Geschichte in die Welt. Wir benennen ihn und berichten über ihn, zumindest versuchen wir es immer wieder. Wir tragen dieses Schicksal. Wir sind daran gewachsen und tragen zunehmend den Kopf wieder stolz auf den Schultern. Wir tragen Julius. Immer und ewig – er hat einen festen Platz in unseren Herzen.

Und ich trage nun auch sein Geschwisterchen.

Das ist eine andere Art des Tragens. Eine körperliche Art. Langsam wird sichtbar, dass da jemand getragen wird in meinem Bauch. Und ich bin stolz darauf, dieses neue Wesen in die Welt zu tragen. So, wie ich stolz bin, unseren Sternenjungen in meinem Herzen zu tragen. Beide meine Kinder werden getragen. Auf unterschiedliche Art und Weise. Aber beide voller Liebe und voller Stolz.

38 Anteilnahme am Tod von Julius

Ich habe mir noch einmal alle Briefe und Emails an uns und an Julius angesehen, die uns nach seinem Tod erreichten. Hier möchte ich gerne noch einmal DANKE sagen, an alle, die uns begleitet haben. Allen, die bei uns waren (vor allem die engste Familie) und allen, die aus der Ferne für uns da waren.

  • Danke, dass es euch gibt,
  • Danke, dass ihr Worte gefunden habt, für Etwas, für das es keine Worte gibt,
  • Danke, dass ihr an uns denkt habt,
  • Danke, dass ihr mit uns trauert und
  • Danke, dass ihr Kerzen angezündet habt für Julius.

Es ist so schwer, Worte zu finden für das Unfassbare. Wir selbst suchen oft nach geeigneten Worten und wir erleben auch an anderen, wie schwer es ist, Worte zu finden, die helfen. Viele haben es versucht und haben damit geholfen.

  • Die entbindende Hebamme schreibt „unvergessen bleibst du in meinem Herzen und in meinen Gedanken“ – sie war so erschrocken über den Lebensweg von Julius und hat doch Worte gefunden
  • Die Eltern meiner Schwägerin schickten uns das Buch: „Der kleine Prinz“ mit den schlichten Worten: „in tiefer Verbundenheit“. Man spürt, wie auch sie an uns denken
  • Entfernte Freunde schreiben uns ein wunderschönes Gedicht:
    • „Wenn du bei Nacht den Himmel anschaust
    • Wird es dir sein, als lachten alle Sterne,
    • Weil ich auf einem von ihnen wohne,
    • Weil ich auf einem von ihnen lache,
    • Du allein wirst Sterne haben, die lachen können.
  • Wenn du dich getröstet hast,
    • Wirst du früh sein, mich gekannt zu haben.
    • Du wirst immer mein Freund sein
    • Und deine Freunde werden erstaunt sein,
    • Wenn sie sehen, dass du den Himmel anblickst und lachst“ (Antoine de Staint Exypéry)

Ich bin nach wie vor gerührt von diesen Worten. Ja, wir werden immer Freunde sein, mehr noch: wir sind für immer Mama und Sohn. Danke für dieses Gedicht

  • Ein Brief einer Freundin meiner Schwägerin erreicht uns. Auch sie findet bezaubernde Worte:
    • „Das kostbarste Vermächtnis eines Menschen ist die Spur, die seine Liebe in unserem Herzen zurückgelassen hat“

So wenige Worte und doch so viel Bedeutung. Berührend und tröstend.

  • Viele Menschen schreiben uns, dass sie keine Worte finden, dass sie aber an uns denken. Dass sie mit uns weinen, dass sie mit uns trauern
  • Viele Familien schreiben, dass sie Kerzen anzünden für Julius. Seine Geburts- und Traueranzeige wird aufgestellt und es brennt eine Kerze. Die Kinder stellen Fragen. Über den Tod. Und alle suchen nach Worten – nach Antworten. Sie sind so schwer zu finden
  • Einige Menschen schreiben uns nach der Beerdigung. Schreiben, wie „zauberhaft schön“ der Abschied war, benennen die „rührselige Rede“, die „liebevollen Vorbereitungen“ und „die herzliche Gestaltung“ – wir sind froh, dass unsere Gäste diesen bewegenden Moment genau so wahrgenommen haben, wie wir es erlebt haben. Trotz der Schwere so zauberhaft schön
  • Bekannte, die bereits ähnliche Schicksalsschläge erleben mussten, schreiben von diesem „Päckchen“, dass wir nun tragen lernen müssen. Der Weg ist nicht immer einfach, das Päckchen bleibt, aber man kann lernen, es mitzunehmen
  • Eine Tante von mir schreibt uns, wir sollen Gleichgesinnte suchen. Um nicht alleine zu sein. Um zu lernen, dass es weitergehen kann. Auch sie musste schon kämpfen, um im Leben weiter zu kommen. Sie weiß, wie schwer es ist, wenn einem der Boden unter den Füßen weggerissen wird und man doch weitermachen muss. Irgendwie. Es hilft, Menschen um sich zu haben, die nachempfinden können, was man fühlt –
  • Die eine Oma von Julius schreibt uns und bedankt sich, dass sie Julius kennen lernen durfte.

    Wir haben zu danken, dass ich da wart und ihn aufgenommen habt in die Familie!
  • Ein Onkel von mir ging eines Tages auf den Friedhof und hinterließ eine Karte mit einem bezaubernden Spruch. Wir waren so überrascht, dass er dort war und gerührt, dass er Worte gefunden hat. Danke

Dass Julius ein Teil unserer Familie sein kann, das ist das größte Geschenk, was man uns machen kann. Dass er da sein darf, Teil sein darf und nicht verschwiegen wird.

Wir danken allen, die weiterhin an uns denken. Die weiterhin mit uns Worte suchen. Und vor allem danken wir denen, die Julius benennen, ihn nicht vergessen, sondern ihn mittragen in diese Welt. Er ist ein Teil von uns und wird immer ein Teil von uns bleiben. Wir wünschen uns, dass er nicht vergessen wird. Dass er benannt wird und immer wieder Thema sein darf.

37 Helfen kann man doch nicht

Was tun, wenn andere in der gleichen Situation sind?

Um das Leben ihres Kindes bangen?

Es ist so schwer. Das Leben mit dem Tod. Das Leben mit dem Sterben. Man kann es nicht leben dieses Leben. Man kann es nur erleben. Man ist irgendwie da, aber man ist nicht wirklich lebendig. Vorgestern habe ich mit einer betroffenen Mutter gesprochen, die um das Leben ihres Kindes bangt. Sie hat die Geschichte von Julius im Krankenhaus entdeckt und wollte sie genauer kennenlernen – seine Geschichte, unsere Geschichte.

Ich habe erzählt. Von Julius. Von seinem Kampf um das Leben und auch von seinem Sterben. Ich habe zugehört, wie sie kämpft um das Leben ihrer Tochter. Wie ihre Tochter kämpft. Wie sie versucht, am Leben zu bleiben. Sie atmet, wenn sie kann. Sie wird es wahrscheinlich schaffen. Wird aufwachen aus der Narkose und wird wieder ins Leben finden.

Doch gerade – man kann es nicht fühlen. Die Angst ist so groß. Die Angst um das eigene Kind ist wohl die größte Angst, die man erleben kann. Die Angst, es könnte ihm oder ihr etwas passieren. Die Angst, dass die Kinder leiden. Die Angst, dass sie vielleicht sogar sterben könnten.

Dann sagt die liebende Mutter vorgestern – ich könnte es nicht überleben.

Dies zeigt so deutlich dieses Ausgeliefert-Sein. Man kann nichts tun. Man sitzt neben dem eigenen Kind und kann nichts tun. Man kann es nicht wirklich halten, man kann nur streicheln und mit ihm sprechen. Doch ohne die (gewohnten) Reaktionen ist es, als wäre das Kind nicht mehr da. Weit weg. Ein Vermissen, obwohl die Nähe doch so groß ist. Ein Vermissen dessen, was einmal war. Ein Vermissen dessen, was man sich wünschte.

Ich bin berührt. Fühle mit. Denke an das Mädchen und seine Familie. Hoffe. Sende Kraft.

Wie kann man helfen? Da sein.

Hilft das? Ich weiß es nicht. Kann es nicht sagen. Wenn es hilft, helfe ich gerne auf diese Art und Weise. Fühle mich trotzdem hilflos.

Ich beginne zu basteln. Will etwas basteln. Für das Mädchen. Eine Kerze soll leuchten für sie. Soll ihr Kraft und Schutz geben. Dabei ist diese Fee entstanden. Es schützt aus der Ferne. Dort brennt auch eine Kerze für dich. Ich denke an dich. Und an deine lieben Eltern.

Für das Mädchen, das um sein Leben kämpft…

36 Brief an Julius vom 26.7.2019

Lieber Julius,

ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. In letzter Zeit denken wir sehr viel an dich.

Dein Papa hat ein Forum aufgesetzt. Für Eltern, die ihre Kinder verloren haben, für Eltern, deren Kinder schwerstkrank sind und für Eltern, deren Kinder bald sterben werden. Wir sind ganz beschäftigt mit dem Thema. Wir wollen helfen. Wollen da sein für andere Betroffene. Schreiben über dich. Dort im Forum. Um anderen Mut zu machen, auch zu schreiben oder Fragen zu stellen.

Ich arbeite gerade an einer Literaturliste. Dadurch lerne ich neue Literatur kennen. Lese neue Erfahrungsberichte, lerne neue Autoren und Betroffene kennen. Es ist so bewegend und es bewegt sich so viel. Wohin geht diese Reise?

Noch wissen wir es nicht, wir wollen gerne für Betroffene da sein, wollen zeigen, dass es uns gibt. Uns Sterneneltern, uns verwaiste Eltern und die Geschwister verstorbener Kinder. Wir wollen, dass geredet wird über uns. Wollen das Schweigen brechen.

So schwingen wir im Alltag sehr zwischen der Trauer und der Beschäftigung mit Betroffenen und dem normalen Leben. Dem Spazieren gehen, Arbeiten, andere Menschen treffen, Einkaufen gehen… Schwingen zwischen den Welten.

Dazwischen dein heranwachsendes Geschwisterchen. Vorgestern habe ich das Herzlein schlagen hören – die Hebamme war da und hat versichert, dass alles gut ist. Dein Geschwisterchen ist uns eine große Freude, es öffnet neue Türen, erschließt neue Freuden und bringt uns eine neue Zukunft. Eine Zukunft mit dir. Das wird immer deutlicher. Du wirst immer Teil dieser Familie sein und wir werden immer einen Teil unserer Energie nutzen, um zu kämpfen für euch Sternenkinder.

Damit ihr Teil dieser Gesellschaft werdet. Nicht verschwiegen werdet, sondern benannt werdet. Auch noch Jahre nach eurem Tod. Wir wollen, dass Eltern, die ihre Kinder verlieren nicht alleine sind. Dass sie wissen, dass sie Hilfe bekommen können. Dass sie Ansprechpartner haben, dass sie verstanden werden.

Lieber Julius, du hast uns so viel gelernt. In so kurzer Zeit hast du uns einen Teil der Welt erschlossen, der uns zuvor fremd war. Und wir sind froh, diesen Teil nun zu kennen, auch wenn es immer wieder schmerzhaft ist, weil du uns so sehr fehlst. Doch nun können wir diesen Teil der Welt verändern. Mit kleinen Schritten. Mit einem Forum. In dem Betroffene Rat finden können.

Das Forum heißt: https://www.sterneneltern-berlin.de/.

Ich denke sehr oft an dich. Ich vermisse dich und doch bist du so präsent. Wir werden dich niemals vergessen und immer gute Gedanken und ein offenes Herz für dich haben.

In tiefer Liebe verbunden, deine Mama

35 „Der richtige Zeitpunkt“

Für viele Sterneneltern stellt sich irgendwann die Frage nach einem Geschwisterkind. Nach einem Folgekind. Doch wann ist der „richtige“ Zeitpunkt dafür?

Gibt es einen richtigen Zeitpunkt? Wer definiert ihn? Warum meinen plötzlich alle Menschen einem raten zu können, wann eine Schwangerschaft „richtig“ ist?

Viel kann man dazu nicht finden. Es kann immer biologische Gründe geben, die eine Schwangerschaft unmöglich machen oder unwahrscheinlicher machen. Es kann auch aus gynäkologischer Sicht Sinn machen, dass man eine gewisse Zeit der Rückbildung abwartet, bevor man erneut schwanger wird. Und jedes Paar sollte sich fragen: sind wir bereit, ein neues Kind in unseren Familienkreis aufzunehmen?

Für uns war schnell klar, dass unser Julius ein Geschwisterchen haben soll. Wir haben schon darüber gesprochen, als Julius noch gelebt hat. Und der Wunsch war sehr stark. Der Wunsch, dass ganz bald ein Geschwisterchen unseren Familienkreis erweitert. Dass Julius ein großer Bruder werden darf. Weder Hebammen, noch Gynäkologen haben gesagt, dass aus biologischer Sicht etwas gegen eine erneute Schwangerschaft spricht.

Doch es gab Freunde, die gesagt haben wir sollten doch lieber warten. Und sogar meine damalige Psychiotherapeutin hat geäußert, dass ich 1-2 Jahre warten solle mit einer erneuten Schwangerschaft. Das sei die Zeit, die man zum Trauern brauche.

Warum haben diese Leute auf einmal ein Recht, sich in unsere Familienplanung einzumischen? Haben sie das Recht?

Ja, eine Folgeschwangerschaft ist nicht ganz unbeschwert. Da kommen Ängste. Wir als Betroffene kennen meist viele Geschichten anderer Betroffener und können zu jeder Zeit der Schwangerschaft, Geburt und auch in den Zeiten danach auf Geschichten zugreifen, die davon berichten, was alles schief gehen kann. Und das kann Angst erzeugen.

Einige Schwangere sind dann emotional instabil und brauchen mehr Unterstützung. Andere Schwangere ruhen in sich selbst, haben Vertrauen in das neue heranwachsende Wesen und freuen sich über dessen Präsenz und auf dessen baldige Ankunft.


Die Erlebnisse, die man als Schwangere hat, scheinen unabhängig davon zu sein, zu welchem Zeitpunkt sie wieder schwanger geworden sind. Einige beschreiben Schwierigkeiten, obwohl sie lange gewartet haben, andere haben Vertrauen, obwohl die Folgeschwangerschaft ganz schnell eingetreten ist. Es gibt also keine Regeln.

Wenn ihr Betroffene seid, dann stellt euch ehrlich und ernsthaft die Frage: was tut mir gut? Und stellt euch die Frage: warum möchte ich dieses Kind?

Es gibt diese Angst, dass einige verwaiste Eltern nur wieder schwanger werden, um das verlorene Kind zu ersetzen. Ich habe solche Beschreibungen bisher nur in der Theorie gehört – alle Betroffenen, die ich erlebt habe, sagen, dass sie niemals ihr verstorbenes Kind ersetzen wollen und können. Sie alle wünschen sich ein neues Kind, ein Geschwisterchen. Keinen Ersatz. Woher kommt eigentlich diese Angst?

Ich kann euch allen nur sagen: wenn ihr von außen diese intime und heikle Frage stellt, dann könnt ihr damit die Betroffenen sehr verletzen. Wir als Betroffene machen uns sehr viele Gedanken über unsere Kinder. Sowohl über die Verstorbenen, als auch diejenigen, die da noch kommen werden. Wir alle stellen uns diese Fragen selber. Und zu genüge. Wir selber sind in diesem Gewissenskonflikt gefangen.

Ist es die richtige Zeit?

Ist es fair?

Werde ich dem verstorbenen Kind gerecht?

Werde ich dem entstehenden Kind gerecht?

Werde ich mir gerecht?

Werde ich meinem Partner gerecht?

Werde ich Familie und Freunden gerecht?

Wir sind gefangen in diesen Fragen. In diesen Verantwortungen. Und wir machen uns genügend Gedanken. Wenn wir uns entscheiden, dass in unserer Familie ein weiteres Kind einen Platz finden darf, dann ist es die richtige Zeit. Dann wird dieses weitere Kind genügend Aufmerksamkeit und Zuwendung bekommen.

Klar, wir haben nicht mehr die ungeteilte Aufmerksamkeit auf diese zweite Schwangerschaft. Da ist ja schließlich das ältere Geschwisterkind. So geht es aber allen Müttern. Sie haben ihre großen Kinder und ihre wachsenden Kinder im Bauch. Beide brauchen Aufmerksamkeit und beiden wird man vermutlich nicht immer zu 100% gerecht. Und so geht es auch uns Sternenmüttern. Auch wir haben unsere größeren Kinder, sie sind physisch nicht anwesend. Aber sie sind in unseren Gedanken, in unseren Herzen, in unserem Alltag so präsent, dass wir ihnen viel Zeit und Aufmerksamkeit zuwenden. Und unsere heranwachsenden Babys teilen diese Aufmerksamkeit. Sie sind Zweitgeborene. Unsere zweiten Kinder.

Geliebt werden sie beide. Jedes auf seine Art.